Nach dem Halbfinaleinzug
Klinsmann: „Einfach unheimlich stolz“

Nach dem Nervenkrieg vom Freitagabend stand wohl keiner so im Rampenlicht wie Jürgen Klinsmann. Jeder Sieg der deutschen Nationalelf ist auch ein Sieg gegen die Kritiker des einst so Geschmähten. Doch auch im Moment des Triumphes spricht Klinsmann nicht von Genugtuung - sondern von seiner Mannschaft.

HB BERLIN. Er war einfach nur stolz - aber über seine eigenen Befindlichkeiten wollte Jürgen Klinsmann in der Siegesnacht von Berlin nicht groß sprechen. "Es geht nicht um meine Person, das machen alles die Jungs auf dem Platz", erklärte der Bundestrainer bescheiden und sichtlich gezeichnet vom Nervenkrieg gegen Argentinien. Am Freitagabend um 19.41 Uhr waren die Gefühle mit Klinsmann "Gassi gegangen", wie der Wahl-Amerikaner selbst berichtete. Nach der zweiten Elfmeter-Parade von Jens Lehmann war der 41-Jährige mit all seinen "Kerlen" losgestürmt, er hätte die ganze Welt umarmen können. Von einer "Katastrophe" hatte er gesprochen, falls im Viertelfinale der K.o. gekommen wäre. Nun sagte Klinsmann: "Unglaublich, was jetzt in Deutschland abgeht."

Die Titel-Mission lebt - und Klinsmann lebt sie extrem aus. "Die Leute glauben langsam dran", formulierte der 41-Jährige ohne jede Aggressivität. Dabei könnte der Trainer-Neuling schon jetzt auf eine große Runde von Kritikern losgehen, die ihn noch vor wenigen Monaten lieber auf dem Mond statt bei der WM in Deutschland gesehen hätten. Alles, aber auch alles war besonders nach dem 1:4 am 1. März in Italien in Frage gestellt worden. Noch für die Auswahl seiner 23 WM- Kandidaten und die Degradierung von Oliver Kahn hatte Klinsmann kräftig Prügel einstecken müssen. "Nein", bemerkte der WM-Missionar nach dem vorläufigen Meisterstück gegen Argentinien, es gebe keine Genugtuung: "Wir müssen es niemandem zeigen."

"Los, Junge, reiß das Spiel rum!"

In all der Anspannung und Hektik kann Klinsmann sogar einige Momente des Glücks genießen - und dies gibt er auch an seine Spieler weiter. Schon lange vor dem Anstoß des Viertelfinals nahm er auf der Ersatzbank Platz, lächelte in sich hinein. "Wir genießen den Augenblick. Es ist fantastisch, wie wir zusammen halten und jeder den anderen anspornt", sagte der 108-malige Nationalspieler. 72 000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion sowie Millionen in den Fanmeilen und Biergärten liefen heiß wie Klinsmann. Als Argentiniens Torhüter Roberto Abondanzieri vom Platz getragen werden musste, schickte ein erregter Coach wild mit den Armen rudernd die Rot-Kreuz-Helfer höchstpersönlich mit der Trage auf den Rasen.

Nur seine engsten Vertrauten wussten um Klinsmanns Masterplan, in dem jedes Detail aufgelistet und schon vorempfunden wurde. Nur Wenige hatten an diesen Plan geglaubt. Doch in jenen Momenten, in denen auf dem WM-Rasen um jeden Millimeter gerungen wird, ist auch der Chef machtlos. Immer wieder nahm er einen Schluck aus der Wasserpulle, um die Nervosität zu bekämpfen. Das Sakko war längst abgelegt, die Ärmel seines traditionell hellblauen Hemdes hatte er hochgekrempelt. Klinsmann machte die Spieler noch heißer, brachte Flügelflitzer David Odonkor, dessen Nominierung vor sechs Wochen viele noch für einen Witz gehalten hatten. Er nahm den 22-Jährigen noch einen Moment lang in den Arm, schickte ihn raus: "Los, Junge, reiß das Spiel rum!" Sitzen konnte Klinsmann nicht mehr in jenen endlos langen Nachspiel-Minuten. Klinsmann stand, hockte, stemmte die Arme in die Hüften. Als Ballack von Krämpfen geplagt minutenlang vor ihm an der Linie lag, litt der Trainer mit. "Wir sind einfach unheimlich stolz", verkündete er nach dem Happyend und verwies auf die Jugend seiner Mannschaft. "Noch fünf Spieler hätten in der U 21 spielen können."

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