Nach der überzeugenden Leistung gegen die Ukraine
Gefährliche Bescheidenheit bei den Spaniern

Auf die Spanier war bei Fußball-Weltmeisterschaften immer Verlass. Alle vier Jahre wieder tönten sie vor dem Turnier von ihren großen Titelchancen, um sich dann spätestens im Viertelfinale zu verabschieden. Doch 2006 hat sie eine seltsame, gefährliche Bescheidenheit erfasst.

HB LEIPZIG. Auf die Spanier war bei Fußball-Weltmeisterschaften immer Verlass. Alle vier Jahre wieder tönten sie vor dem Turnier von ihren großen Titelchancen, um sich dann spätestens im Viertelfinale zu verabschieden. Doch 2006 hat sie eine seltsame, gefährliche Bescheidenheit erfasst. Auf die Frage, wie weit Spanien denn dieses Mal kommen werde, antwortete Stürmerstar Raul schon vor der WM ausweichend: "In den neun Jahren, in denen ich schon in der Nationalelf spiele, hat es noch nie so viele gute Spieler wie jetzt gegeben."

Und als genau diese Spieler am Mittwoch in Leipzig bei sengender Hitze für eine der besten Leistungen aller Teams bei dieser WM gesorgt hatten, staunten sie anschließend selbst darüber: "Man weiß vor einer Weltmeisterschaft nie, wie gut man ist, deshalb sind wir ein bisschen überrascht", sagte Stürmer David Villa von Valencia, der mit zwei Toren und einer ausgezeichneten Leistung großen Anteil an dem 4:0-Sieg gegen die Ukraine hatte. "Wir hatten schon großes Vertrauen in uns, aber wir hätten nicht erwartet, dass unser erstes Spiel so gut ausgeht für uns", sagte Carlos Puyol, Abwehrspieler von Barcelona, der immer wieder gefährlich in die Hälfte der Ukrainer vorgestoßen war.

Eine Bescheidenheit, die den Titelfavoriten wie Argentinien und Brasilien Sorgenfalten auf die Stirn treiben sollte. Denn statt große Töne zu spucken und früh auszuscheiden, wollen die Spanier es diesmal wohl anders herum halten: Untertreiben und gewinnen. Bislang sind die Spanier allerdings noch immer an ihrem eigenen Erwartungsdruck gescheitert. Noch nie haben es die Südeuropäer in den vergangenen 55 Jahren weiter als ins Viertelfinale geschafft. Nur 1950 waren sie einmal Vierter bei der WM. Einen einzigen Siegespokal eines großen Wettbewerbes hat der Verband im Trophäenschrank stehen: 1964 gewannen die Spanier die Europameisterschaft.

Um das zu ändern, schrauben die Spanier die Erwartungen kräftig herunter. Auch, um den Druck von dem Team zu nehmen. Dahinter steckt unter anderem Trainer Luis Aragones, der große alte Mann des spanischen Fußballs. "Ich habe so ein überzeugendes Resultat nicht erwartet", sagte er ganz im Sinne der neuen Bescheidenheit. Und nachdem er seine Mannschaft ein bisschen für die sehr gute Leistung gelobt hatte, bremste er denn auch sofort wieder die Euphorie: "Wir waren ein paar Mal nachlässig in der Abwehr und hätten noch einige Tore mehr schießen können", kritisierte der stets grimmig guckende Aragones. "Über die ausgelassenen Möglichkeiten bin ich nicht glücklich." Bei einer WM zähle schließlich jedes Tor.

Mehr Kritik konnte Aragones aber auch nicht vorbringen, zu gut hatten seine Spieler sich geschlagen. Und obwohl sie mit der Ukraine den vermeintlich stärksten Gegner in der Gruppe H (Saudi-Arabien und Tunesien trennten sich unentschieden) besiegt hatten, dämpften auch die Spieler die Erwartungen: "Wir haben wirklich sehr gut gespielt, aber wir müssen uns daran erinnern, dass wir bis jetzt noch nichts gewonnen haben. Immerhin haben wir den Fans schon mal gezeigt, dass wir in der Lage sind, Tore zu schießen", sagte Torschütze Fernando Torres von Atletico Madrid. In die gleiche Kerbe schlugen seine Sturmpartner Luis Garcia von Liverpool ("Es liegt noch ein weiter Weg vor uns bei dieser WM") und David Villa ("Dieser Sieg ist nur ein erster Schritt. Wir müssen weiter hart arbeiten und sehen, wie weit wir damit kommen").

Seltsam, hätten die Spanier doch in diesem Jahr endlich mal gute Gründe, euphorisch zu sein. Die Gründe tragen Namen wie Raul, Villa, Ramos, Puyol, Xavi oder Fabregas. Es sind die Spieler, die Raul meinte. Sie alle sind technisch hervorragend ausgebildet, spielen ausnahmslos bei den größten Vereinen in England und Spanien und zählen dort zu den Leistungsträgern. Rauls festgeschriebene Ablösesumme bei Real Madrid beläuft sich zum Beispiel auf 180 Millionen Euro, die von Villa bei Valencia auf 120 Millionen Euro. Der "Player of the match", Xavi von Barcelona, brachte es denn auch auf den Punkt, warum in diesem Jahr mit den Spaniern zu rechnen ist: "Das Team war in allen Bereichen fantastisch."

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
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