Nach Hablfinalschlappe
Deutsches Team zwischen Trotz und Stolz

Die Stimmung im Lager der deutschen Nationalmannschaft bewegt sich nach der WM-Halbfinalniederlage gegen Italien in einer Mischung aus Enttäuschung, Stolz und Trotz.

Aus den Lautsprechern dröhnte "You"ll never walk alone", die Fans erhoben sich von ihren Sitzen und feierten, als ob Deutschland soeben Weltmeister geworden wäre: Doch so richtig nahm die Ovationen im Kreis der deutschen Nationalmannschaft keiner mehr wahr. Wie in Trance und tränenüberströmt liefen die Spieler eine Ehrenrunde und verschwanden dann mit hängenden Köpfen und fassungslos in den Katakomben der Dortmunder Arena. Es war ein Bild des Jammers. Teammanager Oliver Bierhoff sprach von einer "unendlichen Leere".

Auch Jürgen Klinsmann stand minutenlang völlig konsterniert am Kabineneingang, vergeblich bemüht, seine weinenden Helden zu trösten. Zu tief saß der Schock, innerhalb von 90 Sekunden den großen Traum verspielt zu haben. Anstatt am Sonntag in Berlin um den WM-Titel zu spielen, bleibt der DFB-Auswahl nach dem bitteren 0:2 (0:0) n.V. im Halbfinale gegen Italien nur das bedeutungslose Spiel am Samstag (21.00 Uhr) in Stuttgart um Platz drei.

"Das Land ist stolz auf Sie"

Für den Bundestrainer war es die schwerste Stunde seiner zweijährigen Amtszeit. Da half es auch nicht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler ("Das Land ist stolz auf Sie") der Mannschaft direkt nach dem Spiel ihre Anerkennung ausgesprachen. Kein Trost waren auch tausende von Mails mit Glückwünschen, die im Laufe des Mittwochs im Quartier in Berlin und in der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main eintrafen.

Dennoch fiel es selbst dem Berufsoptimisten Klinsmann, der einige Male selbst mit den Tränen zu kämpfen hatte, nach einem denkwürdigen Abend nicht leicht, den Blick nach vorne zu richten. Schon gar nicht war er in der Lage, Fragen zu seiner Zukunft schlüssig zu beantworten.

Dabei sind sich Spieler, das DFB-Präsidium und Franz Beckenbauer als höchste deutsche Fußball-Instanz längst einig. "Ich hoffe sehr, dass er weitermacht. Er hat junge Spieler eingebaut, denen er vertraut und die ihm vertrauen. Es wäre jammerschade, wenn dieses Gespann auseinanderfällt", sagte der "Kaiser" stellvertretend.

Doch Klinsmann hielt deratige Debatten kurz nach dem Schlusspfiff "für absolut unwichtig". Er wolle die WM nach dem Abschluss am Samstag "einige Tage sacken lassen, mich mit meiner Familien besprechen, und dann sehen wir weiter."

Noch in der Kabine ein dickes Kompliment

Zunächst einmal war der Bundestrainer trotz der "riesengroßen Enttäuschung" bemüht, seine Spieler, die noch bei der Rückkehr nach Berlin am Mittwochmorgen um 3.00 Uhr wie ein Häuflein Elend daherkamen, wieder aufzurichten. Noch in Kabine hatte er seinem Team ein dickes Kompliment gezollt.

"Ich habe der Mannschaft gesagt, dass sie riesig stolz auf sich sein kann, dass sie fantastisches geleistet hat. Sie ist immer an die Grenzen gegangen, hat totale Leidenschaft gezeigt", sagte der Bundestrainer und prophezeite der DFB-Auswahl auch eine tolle Zukunft: "Die Spieler haben unglaubliches Potenzial. Mir ist nicht bange, im Gegenteil. Deutschland kann optimistisch sein."

Am Dienstagabend in Dortmund fehlten lediglich 90 Sekunden und Deutschland hätte gegen Italien wenigstens ein Elfmeterschießen erzwungen. Doch Treffer von Fabio Grosso (119.) und des eingewechselten Alessandro Del Piero (120.+1) zerstörten alle deutschen Hoffnungen.

In puncto Kampfgeist und Leidenschaft musste sich die DFB-Auswahl hinter den Azzurri nicht verstecken. Letztendlich entschied die Cleverness und die individuelle Klasse der Italiener in der Verlängerung ein Spiel, das bis zum bitteren Ende für die Deutschen auf des Messers Schneide stand und vor allem in der Verlängerung den 65 000 Fans im Stadion und den mehr als 30 Mill. vor den TV-Geräten und in den diversen Fanmeilen Klasse und Dramatik bot.

"Es war das beste Spiel, das ich in letzter Zeit gesehen habe."

"Es war das beste Spiel, das ich in letzter Zeit gesehen habe. Man kann nicht sagen, dass Italien um zwei Tore besser war. Auch wir hätten es verdient gehabt, ins Finale einzuziehen, aber am Ende war Italien etwas glücklicher und cleverer", analysierte Beckenbauer einen laut Klinsmann-Assistent Joachim Löw "unglaublichen Kampf, bei dem beide Mannschaften am Ende stehend K.o. waren".

Michael Ballack und Co. fiel es im Anschluss entsprechend schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Kapitän, der schon auf dem Rasen geheult hatte, rang auch eine Stunde nach Spielschluss noch um Fassung. "Es ist bitter, momentan ist es kein Trost, dass wir so ein tolles Turnier gespielt haben. Vielleicht schaut das in einer Woche mit ein wenig Abstand schon wieder anders aus", sagte Ballack.

Auch Christoph Metzelder konnte es im ersten Moment nicht fassen, "weil wir zwei Jahre für das Finale gelebt und gearbeitet haben." Tim Borowski meinte immerhin, "dass wir es allen Kritikern gezeigt haben. Die Truppe hat Zukunft und kann 2010 wieder angreifen."

Alle Spieler waren sich auf jeden Fall einig, dass die Zukunft auch von Jürgen Klinsmann gestaltet werden sollte. "Das Konzept ist aufgegangen. Der eingeschlagene Weg ist der Richtige und sollte weiter fortgeführt werden", betonte Per Mertesacker. Auch Metzelder äußerte, "dass wir alle hoffen, dass er weitermacht".

Doch erst einmal will sich Klinsmann mit seinem Team mit Anstand von dieser WM verabschieden. Auch wenn es am Samstag in Stuttgart nur um die berühmte Goldene Ananas geht, "wollen wir das Publikum noch einmal begeistern. Wir wollen Tempo machen und die WM mit einem Erfolg beenden", sagte Klinsmann.

Dies wünscht sich auch WM-OK-Chef Beckenbauer. Er hofft, "dass sich die Mannschaft nicht hängen lässt, denn sie hat bisher einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Dieses Turnier kam für einige vielleicht zu früh. Bei der EM in zwei Jahren zählt sie zu den Favoriten." Doch das interessierte am Dienstagabend wahrlich keinen.

© SID

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