Nachfolger-Debatte entbrannt

Ein ganz normaler Tag für Blatter

Die Rückzugsankündigung von Joseph Blatter hat die Fußball-Welt in Aufregung versetzt. Während die wahren Motive des Schweizers noch nicht geklärt sind, wird schon über die Nachfolge des Dauer-Regenten debattiert.
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Wer wird Blatters Nachfolger? Louis Figo denkt drüber nach

ZürichJoseph Blatter saß am Tag nach seiner spektakulären Rücktrittsankündigung in seinem noblen Büro im Fifa-Hauptquartier und arbeitete, als sei nichts geschehen. Auf dem ganzen Fußball-Globus wurde hingegen mit maximaler Aufregung eine Neuordnung des von Korruptionsskandalen erschütterten Weltverbandes ohne den bald scheidenden Dauerregenten diskutiert – bis hin zu einer möglichen Neuvergabe der WM-Turniere in Russland und Katar.

Die Fifa verkündete: Business as usual auf dem Zürichberg. Emotionaler Höhepunkt in dem Granitbau soll ein minutenlanger Applaus für Blatter von mehreren hundert Mitarbeitern gewesen sein, über Tränen der Rührung beim Schweizer wurde spekuliert.

Jenseits von Zürich herrschte in der Fußball-Welt der Ausnahmezustand. Die Kernfrage: Wer tritt das Blatter-Erbe wann an, wurde dabei heiß diskutiert – mit Spekulationen über logische Bewerber wie Uefa-Boss Michel Platini bis hin zu Fantasiekandidaten wie Diego Maradona. Doch noch herrschte auch Rätselraten über die eigentlichen Motive des 79-jährigen Blatter für eine Demission keine 100 Stunden nach der Wiederwahl. „Wir waren total überrascht, die Frage muss erlaubt sein: Was ist denn passiert zwischen den vier Tagen, in denen er gewählt wurde, bis zu seinem Rücktritt?“, erklärte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Keine Lichtgestalt für die Fifa in Sicht
Joseph Blatter
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Nach dem Rücktritt des Fifa-Chefs sprießen die Gerüchte um seine Nachfolge: Viele Namen werden genannt, doch kaum ein gehandelter Kandidat erscheint realistisch auf dem Fußballthron. Außerdem bietet kaum einer der potenziellen Fußballkönige einen wirklichen Neuanfang. Die Kandidaten.

Zwei Kandidaten
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Ein Team? Fifa-Päsident Sepp Blatter (Mitte) mit Uefa-Chef Michel Platini (links) und Franz Beckenbauer 2007 bei einem Benefizspiel der Fifa: Die Liste der möglichen Kandidaten für die Nachfolge von Blatter ist jedoch viel länger und vielfältiger.

Franz Beckenbauer
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Seine Popularität nutzte der „Kaiser“ bereits, um die WM 2006 nach Deutschland zu holen – auf ihn als Präsidenten könnte sich die Fußball-Welt sicher einigen. Als Exko-Mitglied war er allerdings bei der skandalumwitterten WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022 im Dezember 2010 beteiligt. Ob er überhaupt antreten würde, ist fraglich.

Uefa-Chef Michel Platini
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Michel Platini steht seit 2007 an der Spitze der Uefa, des europäischen Fußballverbands. Doch eine weltweite Unterstützung für den zuletzt Blatter-kritischen Platini erscheint zumindest derzeit fraglich. Denn er ist vorbelastet: Schließlich war er an der Vergabe der WM nach Russland beteiligt. Außerdem ist sein Sohn für Katar aktiv. Und er war lange ein enger Vertrauter von Blatter, also Teil des alten Fifa-Systems. Dennoch stehen die Chancen für einen europäischen Kandidaten nicht schlecht...

Wolfgang Niersbach
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DFB-Chef Wolfgang Niersbach (64) spielt sich mit solchen Sätzen auch nicht gerade in den Vordergrund: „Das ist noch alles so frisch, ich gehe davon aus, dass diese neue Situation auch ganz neu bewertet werden muss“, sagte Niersbach nach dem Blatter-Rückzug. Dabei müsse man sich auch mit der Frage beschäftigen, ob Europa und die UEFA „einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken“. Er selbst ist damit ja wohl nicht gemeint. Wer dann?

Luis Figo
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Im Vorfeld der Wiederwahl Blatters am vergangenen Freitag hatte der ehemalige Weltfußballer Luis Figo (42) eine Kandidatur vorbereitet – diese dann aber, genau wie der Niederländer Michael van Praag, zurückgezogen. „Wir sollten verantwortlich und ruhig eine gemeinsame weltweite Lösung finden finden.“ Mit dieser unschlüssigen Haltung hat er öffentlich jedenfalls nicht gepunktet.

Prinz Ali bin Al Hussein
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Prinz Ali hatte die Wahl zum Fifa-Präsidenten am Freitag mit 73:133 Stimmen gegen Blatter verloren. Theoretisch steht er nach dem Rücktritt des Schweizers zwar für Neuwahlen bereit. Ex-DFB Chef Theo Zwanziger hält den jordanischen Prinzen Ali bin Al Hussein (39) aber für keinen geeigneten Nachfolger Blatters. „Das ist ein junger, relativ unerfahrener Mann, der in dem gleichen System, was vorher bestand, von den Konföderationen gesteuert worden wäre.“

Nachdem Blatter sich immer jeglicher Kritik widersetzt, sämtliche Krisen überstanden und am vergangenen Freitag die Wahl zum Chef des Weltverbandes erneut gewonnen hat, sind die Beweggründe für den freiwilligen Abschied bei einem Sonderkongress vermutlich im Frühjahr 2016 unklar. „Liegt gegen ihn etwas Belastendes vor? Oder reicht ihm die Wiederwahl von letzter Woche für sein Vermächtnis?“, fragte das Blatter oft freundlich gesonnene Boulevardblatt „Blick“ aus dessen Schweizer Heimat.

Berichte der Zeitung „New York Times“ und des Senders ABC legen den Schluss nahe, dass der Schweizer auf juristischen Druck – und eventuell sogar in einer Kurzschlussreaktion – agiert haben könnte. Das FBI soll auch gegen ihn ermittelt haben, wie die „New York Times“ unter Berufung auf Ermittler am Dienstag berichtet hatte.

„Die Fifa liegt mir sehr am Herzen“
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