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Bekenntnis eines Fußballhassers: Letzte Zuflucht Nordkorea

Für mich werden die kommenden Wochen sehr schwer. Ich leide nämlich an einem seltsamen und seltenen Phänomen: Ich bin ein Mann – und interessiere mich dennoch nicht im geringsten für Fußball. Aber es gibt einen schmutzigen Trick, die Zeit zu überstehen.

Nordkoreanerin mit Landesfahne: In ihrem Land werden keine Bilder von der Fußball-WM über den Bildschirm flimmern. Quelle: ap
Nordkoreanerin mit Landesfahne: In ihrem Land werden keine Bilder von der Fußball-WM über den Bildschirm flimmern. Quelle: ap

Sobald in einer Runde der Männeranteil über 50 Prozent liegt, muss ich häufig verstummen. Ich kann nicht mehr mitreden, weil das Thema erfahrungsgemäß automatisch auf das letzte Samstagsspiel der Bundesliga, die Favoriten der Champions League, Relegationsplätze oder Michael Ballack kippt.

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Allein dass mir diese Dinge ein Begriff sind zeigt, wie schwerwiegend das Problem der Randgruppe ist, für die ich stehe: Die Gesellschaft ist durchdrungen von Fußball. Es ist der soziale Kitt, den die Gesellschaft über alle Schichten hinweg zusammenhält. Gespräche über Fußball sind der Einstieg in jeden Smalltalk, die Eintrittskarte in jede Runde von Männern, der gemeinsame Nenner vom Professor bis zum Bauarbeiter. In normalen Zeiten habe ich Verbündete. Sie sind selten, sie vermeiden es meist sich zu offensiv zu bekennen – aber im vertrauten Zwiegespräch lässt so mancher vorsichtig durchblicken, dass Fußball für ihn auch nicht die Welt bedeutet.

Es gibt aber eine Zeit, in der wird es sehr einsam um Fußballhasser wie mich. Selbst die treuesten Verbündeten im Kampf gegen die Durchdringung der Gesellschaft durch den Fußball als alles umschließenden Diskurs schlagen sich in Zeiten der WM auf die Seite des übermächtigen Feindes. „Natürlich interessiere ich mich nicht für Fußball - aber das ist die WM, Mann!“ Selbst antinationalistische linke Freunde hängen in dieser Zeit an der Glotze - natürlich nur, weil sie hoffen, dass Deutschland schon in der Vorrunde rausfliegt. Da ich aber auch durch historische Zufälle entstandenen geographischen Grenzen indifferent gegenüberstehe, treiben mich nicht einmal Nationalstolz oder Deutschland-Hass zum kollektiven Fußballwahnsinns dieser düsteren Zeit.

Menschen wie ich sind in diesen Zeiten verloren: in Flaggenmeeren, in hupenden Autokorsos, in bierseeligen grölenden Menschenmassen - wo auch immer wir uns aufhalten. In dieser Zeit gibt es kein Entkommen. Karnevalshasser können in Deutschlands Norden oder das Ausland fliehen, um dem Wahnsinn zu entgehen – uns bliebe nur Nordkorea, das einzige Land, in dem die WM nicht übertragen wird.

  • 11.06.2010, 20:59 UhrAnonymer Benutzer: Sascha

    Hallo Herr Dörner,

    haben sie schon mal darüber nachgedacht, wie sehr Fußball die Menschen verbindet? Vor allem auf welche Weise er das macht? ich kenne einige Menschen, meist Frauen, die zu ihrer Randgruppe gehören. Einige davon kennen mittlerweile zwar die Regeln immer noch nicht so genau, dafür aber umso besser das tolle Gefühl in einer Kneipe zu sitzen und das kribbeln zu spüren. Ein Kribbeln, dem sich auch der eingefleischteste Fußballhasser eigentlich nicht verschließen kann. Er macht es trotzdem um wenigstens einmal ein bisschen anders zu sein. Na wie toll!
    im Grunde genommen geht es doch nicht darum, dass Fußball irgendjemand die Welt bedeutet, sondern dass er einem einfach nur einen schönen Moment bereitet.

    in diesem Sinne, 54, 74, 90, 2010...
    Kleiner Tipp, gehen Sie einfach mal in ein bundesliga-Stadion, es ist sogar egal in welches.

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