
HAMBURG. Im Sommer 2006, als es gegen Argentinien ging und alles ganz ähnlich wichtig war, da schauten sie noch auf ihn: auf den "Capitano". Er stand nicht nur im Mittelpunkt der Kabinenansprache von Jürgen Klinsmann, sondern war auch Kopf, Motor und Metronom der Mannschaft.
Vier Jahre und wenige Tage später, wieder heißt der Gegner Argentinien, sitzt Michael Ballack auf der Tribüne des Green Point Stadiums zu Kapstadt. Am Ende wird sein Gesichtsausdruck von der TV-Kamera eingefangen. Er lächelt zwar, wirkt aber, als plagte ihn etwas. "Das ist schon ein wenig unheimlich", sagte Ballack hinterher und meinte nicht die Tatsache, dass Angela Merkel ganz in der Nähe saß.
Michael Ballack musste mitansehen, wie sein Team den besten Fußball dieser Weltmeisterschaft spielt. Ohne ihn. Das schmerzt. Man sieht es ihm an.
Nach dem Spiel gegen Serbien hatte es noch Stimmen gegeben, einer wie Ballack könnte dem deutschen Spiel ja doch ganz gut tun. Einer, der das Heft in die Hand oder besser den Fuß an den Ball nimmt, ein Veteran, der die jungen Spieler führt.
Dann spielte das Team von Joachim Löw gegen Ghana. Es musste gewinnen, aber wackelte, und vielleicht sehnte sich in dieser Phase auch der ein oder andere Spieler den verletzten Kapitän herbei. Am Ende aber bestand die deutsche Elf diese Probe, gewann das wichtigste Spiel der WM durch ein Tor von Mesut Özil, 21, nach Vorarbeit von Thomas Müller, 20.
Nach den Spielen gegen England und Argentinien mehren sich die Indizien, dass Michael Ballack überflüssig ist. Sein Ersatz Bastian Schweinsteiger hat sein Talent auf eine Stufe gehoben, die ihm kaum einer zugetraut hätte. Das Spiel wirkt flinker, unwägbarer, weicher. Und auch neben dem Platz scheint der Ausfall von Ballack die Mannschaft zu stärken. Ohne ihn sind die Hierarchien so flach wie in einem Internet-Start-Up. Jeder darf mitreden und zeigt sich am Ende für das in diesem Falle fußballerische Endprodukt verantwortlich. Verantwortung macht Spaß, verstecken geht nicht mehr.