Nationalmannschaft
Gegen jeden Widerstand

Alles ist positiv, alles dient der Erkenntnisgewinnung: In nur wenigen Monaten haben es Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Nachfolger Joachim Löw geschafft, die deutsche Elf titelreif zu reformieren. Jetzt fehlt nur noch der Feinschliff.

BERLIN / HAMBURG. Vorbei. Joachim Löws erste Spielzeit als Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft ist mit dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei zu Ende gegangen. Nicht glamourös, eher schweißtriefend. Ein Arbeitssieg dieses 2:1 durch die beiden Eigentore von Jan Durica (10.) und Christoph Metzelder (20.) sowie dem Siegtor durch Thomas Hitzlsperger (43.). Müde Beine, müder Geist. Und dennoch: Rennen, grätschen, kämpfen. Altdeutsch gesiegt. Neudeutsch die Einschätzung von Löw danach: „Wir haben zu den Topmannschaften in Europa aufgeschlossen. Gewisse Automatismen sind da. Jetzt wollen wir uns individuell verbessern.“ Man muss sein Gedächtnis bemühen, um zu verstehen, was diese Worte bedeuten: Jetzt geht es an den Feinschliff. Dabei ist es ganze 15 Monate her, da musste Löw, damals noch Assistent von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann, eingestehen, dass das Grundsätzliche – Taktik, Laufwege, Spiel lesen – nicht funktioniert. Es ist der 3. März 2006.

In Florenz ist die deutsche Nationalelf gegen Italien soeben mit 1:4 sang -und klanglos untergegangen. Und das 100 Tage vor Beginn der allerheiligen Heim-WM. Der Boulevard keift, die großen Tageszeitung überbieten sich in apokalyptischen Meldungen. Der deutsche Fußball: kurz vor einer Blamage und wohl dem Untergang geweiht. Eine Katastrophe bahnt sich an.

Die „Süddeutsche Zeitung“ greift anderntags stellvertretend zum Superlativ des Grauens. Sie nennt die Pleite „Furcht erregend blamabel“. Klinsmanns Projekt vom „attraktivem Offensivspiel“ scheint endgültig gescheitert, die Spieler allesamt überfordert. In der Heimat schlägt das monatelange Misstrauen gegen die Projektleiter in Wut, Häme und Dummheit um. „Bild“ hält dem Wahlkalifornier vor, er würde selbst im Moment der Schande noch grinsen und nennt ihn fortan „Grinsi-Klinsi“. Politiker, wie der CDU-Mann Norbert Barthie, wollen Klinsmann vor den Sportausschuss im Bundestag zitieren. Nur wenige behalten einen kühlen Kopf. Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion Fritz Kuhn antwortet seinem Kollegen: „Wer Klinsi vor den Sportausschuss schleifen will, hat nicht alle Tassen im Schrank.“ Klinsmann reagiert mit Flucht nach Kalifornien und sagt zwei Wochen später: „Wir gehen unseren Weg weiter.“

Es ist Klinsmann größter Verdienst, den schwerfälligen deutschen Fußballverband samt seines Flagschiffes, der DFB-Elf, einer grundsätzlichen Renovierung unterzogen zu haben. Gegen den Widerstand vieler Wertbewahrer setzt Klinsmann auf bedingungslose Modernisierung. Die deutsche Fußballgemeinde muss schwer schlucken an Fitnessgurus aus den USA, an neuen Quartieren, roten Trikots, an Psychologen und einem Chefscout aus der Schweiz. Die Sprache ändert sich, wird mit Anglizismen angereichert, die dem Repertoire von Managerberatern entspringen. Selbst nach dem Italien-Debakel ändert das „Team hinter dem Team“ seinen Duktus nicht. Alles ist positiv, alles dient der Erkenntnisgewinnung. Klinsmann sagt im März 2006, alles sei eine Kopfsache, gerade die WM und führt eine Elf ins erste WM-Spiel gegen Costa Rica, die alle Zweifel zerstreut. In der Abwehr zwar immer noch instabil wie eine U-20-Auswahl spielt sie nach vorne als hätte sie nichts mehr zu verlieren. Das Spiel endet 4:2, der erste Schritt Richtung Titel ist getan. Der zweite folgt mit dem Spiel gegen Polen. Es ist ein Schlüsselspiel.

Seite 1:

Gegen jeden Widerstand

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%