Niersbach und die WM-Vergabe

„Pflichtverletzung der gesamten DFB-Führung möglich“

Die 6,7 Millionen-Euro-Zahlung belastet den DFB schwer. Doch wer haftet für eventuelle Schäden? Es ist möglich, dass die gesamte DFB-Führung ihre Pflicht verletzt hat, sagt Wirtschaftsanwalt Mark Wilhelm im Interview.
Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Quelle: Reuters
Niersbach und Zwanziger

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Steuerhinterziehung.

(Foto: Reuters)

Mark Wilhelm ist Wirtschaftsanwalt, spezialisiert auf Versicherungs- und Haftungsrecht. Er berät Unternehmen  und Manager zu Haftungs- und Deckungsfragen. Mit dem Handelsblatt spricht er über den DFB-Skandal und die möglichen Folgen für den Verband und ihr Führungspersonal.

Herr Wilhelm, die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen schwerer Steuerhinterziehung gegen den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, den Ex-Präsidenten Theo Zwanziger sowie den früheren Generalsekretär Horst R. Schmidt. Fakt ist, dass der Verwendungszweck für die 6,7 Millionen-Euro-Zahlung falsch war. Müsste der DFB für den Schaden die verantwortlichen Personen in Haftung nehmen?
Hier stellt sich zunächst die Frage, was denn eigentlich der Schaden sein soll. Hätte der DFB die Zahlung „richtig“ deklariert, hätte er die jetzt angeblich hinterzogenen Steuern sowieso bezahlen müssen. Durch eine mögliche Steuernachzahlung selbst hat der DFB wohl gar keinen Schaden erlitten. Die Kernfrage lautet: Durfte die Zahlung von 6,7 Millionen Euro überhaupt erfolgen oder nicht? Um eine Antwort darauf zu finden, muss geklärt werden, welche „Gegenleistung“ der Zahlung gegenüber stand.

Angenommen, es ist ein Schaden entstanden: Unter welchen Umständen haften die verantwortlichen Personen?
Sollte die Zahlung durch einzelne Personen veranlasst sein, so müssten die handelnden Vorstandsmitglieder eine Pflicht schuldhaft verletzt haben. Auch hier stellen sich Fragen, da die Personen gegebenenfalls im Sinne und im Auftrag des Vereins handelten. Womöglich beging aber der gesamte Vorstand eine Pflichtverletzung, weil die Durchsetzung und Überwachung der Satzungsaufgaben nicht gelang.

Die Macher des deutschen Sommermärchens
Franz Beckenbauer
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Seine Weltreisen als Chef der deutschen WM-Bewerbung sind längst legendär. Der Fußball-Kaiser jettete schier unermüdlich um den Globus und warb sogar in der Südsee charmant für eine Weltmeisterschaft in Deutschland. Vor allem wegen dieser perfekt inszenierten PR-Tournee gilt Beckenbauer als der Mann, der die WM in seine Heimat holte. Es war seine Krönung als Sportfunktionär.

Franz Beckenbauer
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Nach der WM war der Weltmeister von 1974 noch vier Jahre Mitglied der FIFA-Exekutive. Im Sommer 2014 war er dann kurz von der FIFA gesperrt, weil er den Ermittlern zunächst keine Auskunft zur umstrittenen Vergabe der WM-Turniere 2018 und 2022 an Russland und Katar gab. Heute hat der 70-Jährige kein Spitzenamt mehr.

Wolfgang Niersbach
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Als Mediendirektor und Vizepräsident des Organisationskomitees machte Niersbach Karriere beim DFB. „Von der ersten Minute an“ sei er bei der WM-Bewerbung dabei gewesen, versicherte der heutige Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt gern. Niersbach koordinierte damals die Öffentlichkeitsarbeit, prägte also das Bild von der WM 2006 entscheidend mit.

Völler, Beckenbauer und Niersbach
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Ein Skandal um die Vergabe des Turniers käme Niersbach heute mindestens genauso ungelegen wie damals. Der DFB-Chef wäre damit wohl auch aus dem Rennen um die Chefposten bei FIFA und UEFA. Sein Verband bezeichnet die Enthüllungen des „Spiegel“ als haltlos.

Fedor Radmann
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Wo Beckenbauer auf seiner WM-Werbetour auftauchte, war Radmann (r.) zumeist nicht weit. Der umtriebige Berater war hinter den Kulissen als Strippenzieher wohl eine entscheidende Figur vor der WM-Vergabe an Deutschland. Danach gehörte der gebürtige Berchtesgadener dem WM-Organisationskomitee zunächst als Vizepräsident an, musste aber wegen seiner diversen Beraterverträge das Amt aufgeben. Mit wenig Glück engagierte er sich später als Geschäftsführer der Salzburger Bewerbung um Winter-Olympia 2014 und Australiens Kandidatur um die WM 2022. Beide Anläufe scheiterten.

Theo Zwanziger
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Der spätere DFB-Chef (2. v.l.) rückte für Radmann als Vizepräsident ins Organisationskomitee nach. Dort war der Jurist für Finanzen, Personal und Recht verantwortlich. 2011 übernahm Zwanziger den Platz von Beckenbauer in der FIFA-Regierung. Mit seinem Nachfolger Niersbach hat Zwanziger sich inzwischen überworfen. Auch den Weltverband und dessen skandalumwitterten Präsidenten Joseph Blatter griff Zwanziger zuletzt vehement an. Dabei kritisierte der 70-Jährige auch die dubiose Vergabe der WM 2022 an Katar.

Horst R. Schmidt
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Der damalige DFB-Generalsekretär (l.) war eine der zentralen Figuren für WM-Bewerbung und Organisation. Er galt als rechte Hand Beckenbauers, als Hirn der deutschen Weltmeisterschaft. Schon 1974 hatte er die WM in Deutschland mitorganisiert, vor der WM 2010 holte ihn die FIFA als Nothelfer nach Südafrika. Als Ehrenmitglied des DFB wurde er 2013 in den Ruhestand verabschiedet. Zur Vergabe der WM 2006 sagte er bei Sky: „Mir war von einer schwarzen Kasse nichts bekannt. Die Stimmen sind nicht gekauft worden.“

Welchen Schaden könnte der DFB konkret einklagen?
Zum einen geht es um die 6,7 Millionen Euro – aber das muss zunächst aufgeklärt werden. Hinsichtlich der Steuernachforderung selbst ist wohl kein Schaden entstanden, womöglich gibt es aber Folgekosten wie Hinterziehungszinsen und Bußgelder. Es ist allerdings streitig, ob man ein Bußgeld gegen ein Unternehmen oder Verein vom Vorstand einfordern darf. Abwehrkosten wie Anwaltskosten können ein Schaden sein, wenn kein Versicherer die Kosten übernimmt.

Gibt es im Haftungsrecht Besonderheiten für gemeinnützige Vereine wie dem DFB und Kapitalgesellschaften und wenn ja, welche?
Die Haftung des Vorstands eines Vereins funktioniert ähnlich wie bei Kapitalgesellschaften. Grundsätzlich haftet der Vorstand gegenüber dem Verein für schuldhaft pflichtwidriges Verhalten, das zu einem Schaden des Vereins führt.

Sind bei großen Verbänden wie dem DFB Managerhaftpflicht-Policen (D&O) üblich und unter welchen Voraussetzungen zahlt die Versicherung?
Ja, es ist sehr wahrscheinlich, dass der DFB eine solche Versicherung abgeschlossen hat. Der D&O-Versicherer übernimmt in der Regel die Abwehr- und Verteidigungskosten, bis es zur rechtskräftigen Feststellung des vorsätzlichen Handelns kommt. Sollte Vorsatz festgestellt werden, kann der Versicherer die erbrachten Leistungen allerdings zurückfordern.

Ist der DFB eigentlich verpflichtet, etwaige Ansprüche geltend zu machen oder ist das eine Ermessensentscheidung?
Wer Schadenersatzansprüche geltend macht, wägt zuvor immer die wirtschaftliche Chancen und Risiken ab. Sollte die Abwägung ergeben, dass es wirtschaftlich sinnlos ist, solche Forderungen zu stellen, muss ein Verein den Anspruch nicht geltend machen. Risiken sind beispielsweise die Wahrscheinlichkeit der rechtlichen Durchsetzbarkeit, die Vermögenssituation der in Anspruch genommenen Personen, die Kosten der Geltendmachung und eines möglichen Reputationsschadens.

Herr Wilhelm, wir danken für das Gespräch.

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