Oliver Ruhnert von Schalke 04
„Die Beraterflut hilft den Spielern nicht weiter“

Immer häufiger lassen sich talentierte Jugendfußballer von Spielerberatern vertreten. Oliver Ruhnert, Jugenddirektor des FC Schalke 04, über die Verhandlungen mit Beratern, ihre Branche und Perspektiven auf Schalke.

GelsenkirchenVon seinem Büro aus hat Oliver Ruhnert einen perfekten Blick auf das Schalker Trainingsgelände. Manuel Neuer, Julian Draxler, Benedikt Höwedes, Leroy Sané – zahlreiche gestandene Bundesliga-Profis wurden einst auf Schalke ausgebildet. Ruhnert, Direktor des renommierten Nachwuchsleistungszentrums von Schalke 04 – „Knappenschmiede genannt“ – hat hier viele hoffnungsvolle Talente kommen und gehen sehen. Inzwischen hat er immer häufiger mit Spielerberatern zu tun. Im Jugendfußball wirken sie aber nicht selten eher kontraproduktiv – das erlebt Ruhnert heute immer wieder.

Herr Ruhnert, Spielerberater werden für ihr Wirken im Jugendbereich oft kritisiert. Zurecht?
Das kann man pauschal nicht mit Ja oder Nein beantworten. Klar ist, dass sich die Berater inzwischen auch im unteren Jugendbereich ansiedeln. Ich halte es für fragwürdig, ob man mit 14 oder 15 Jahren wirklich mit einem Berater agieren muss. In diesem Alter sollte man eigentlich davon ausgehen, dass Eltern in der Lage sind, ihre Kinder angemessen zu vertreten. Es gibt natürlich Berater, die gute Arbeit leisten und die Jungs auf ihrem Weg begleiten – ihnen also beratend zur Seite stehen. Das begrüßen wir. Dass allerdings teils versucht wird, einen eigenen Markt im Jugendbereich aufzubauen, ist äußerst bedenklich.

Ist eine professionelle Beratung im Jugendbereich notwendig und sinnvoll?
Das ist individuell verschieden und von mehreren Faktoren abhängig: etwa dem Elternhaus und der sportlichen Situation. Es ist selbstverständlich, dass ein U16-Nationalspieler bei allen Beteiligten mehr im Fokus steht als ein „normaler“ Spieler des Nachwuchsleistungszentrums. Spätestens ab dem Bereich der U16-Junioren können Förderverträge abgeschlossen werden und viele Berater sehen darin eine Einstiegsmöglichkeit. Sie suggerieren den Eltern, bessere Konditionen aushandeln zu können.

Ist das denn so?
Im Regelfall nicht, denn es werden Standardverträge abgeschlossen. Daher sind Berater nicht notwendig machen. Wir versuchen stets, das den Eltern bereits im Vorfeld zu vermitteln.

Mit Erfolg?
Nur bedingt. Es ist wie so oft im Leben: Hat der Teamkollege einen Spielerberater, muss auch meinem Kind jemand zur Seite stehen. Spieleragenten haben sich fast schon zu einem Statussymbol entwickelt. Vor vier oder fünf Jahren haben wir so gut wie nie mit einem Berater zusammengesessen. Dieses Phänomen ist erst in den vergangenen zwei Jahren rapide nach oben gegangen.

Es wird scharf kritisiert, dass inzwischen immer jüngere Akteure und ihre Eltern von Beratern angesprochen werden.
Das ist eine insgesamt besorgniserregende Tendenz. Es kommt durchaus vor, dass schon Dreizehnjährige und ihre Eltern umgarnt werden. Es ist absolut nicht absehbar, dass sich der Wettbewerb wieder beruhigt. Im Gegenteil: Der Markt ist derzeit so nervös, dass jeder versucht, unabhängig von der Altersklasse so gut es geht Spieler für sich zu gewinnen. Man suggeriert den Spielern durch diese Beraterflut, dass sie viel zu wichtig sind. Eltern und Spieler verlassen sich darauf, dass ihre Spieler Profis werden. Das hilft ihnen nicht weiter.

Tragen Vereine eine gewisse Mitschuld, wenn sie mit intransparent auftretenden Beratern zusammenarbeiten?
Wir versuchen, bestenfalls mit uns bekannten Beratern zusammenzuarbeiten. Generell gilt, dass wir die Finger davon lassen, wenn wir kein gutes Gefühl haben. Ich kann Ihnen versichern: Wenn wir den Eindruck gewinnen, ein Berater gute Vertragskonditionen als Hauptkriterium sieht, dann nehmen wir von einem Transfer Abstand. Ähnlich verhält es sich bei Eltern, denen finanzielle Aspekte am wichtigsten sind. Das ist nicht unsere Vereinspolitik.

Sie haben also kein Problem damit, einen Spieler fallen zu lassen, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen nicht stimmen?
Überhaupt nicht. Erst vor kurzer Zeit hätten wir etwa die Gelegenheit gehabt, einen U17-Nationalspieler zu verpflichten. Die Gespräche aber gestalteten sich so, dass wir relativ schnell verzichtet haben. Noch einmal ganz deutlich: Wenn wir merken, dass ein Berater kontraproduktiv ist, dann wird es der Spieler nicht bei uns schaffen.

Ist das bei allen Vereinen so?
Aus der Ferne habe ich manchmal den Eindruck, dass es nicht so ist. Es scheint Vereine zu geben, bei denen der finanzielle Aspekt irrelevant ist – es geht ihnen nur darum, dass der Transfer über die Bühne geht. Diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen und wird in den nächsten Jahren durch noch mehr Wettbewerber wohl anhalten.

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„Der Großteil der Berater tritt seriös auf“

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