Parreira vor dem Abschied
Wider das Naturell

Die Brasilianer lebten bei der Fußball-WM ganz offensichtlich in einer eigenen Welt - in einer Traumwelt, in der es niemand wagen würde, sie tatsächlich zu besiegen. Die Franzosen haben dem Titelverteidiger ein böses Erwachen beschert, das sich aber angekündigt hatte.

FRANKFURT. Wie auf einem Faden aufgereihte, unbewegliche Zinnsoldaten standen gleich fünf Brasilianer in dieser 57. Minute am Sechzehnmeterraum und ließen es einfach geschehen: Der überragende Altmeister auf Abschiedstour, Zinedine Zidane, zirkelte von der halblinken Positionen einen Freistoß auf den zweiten Pfosten und Thierry Henry, auch den Südamerikanern durchaus als der Toptorjäger der Franzosen bekannt, vollendete mutterseelenallein zum zweiten Pfosten geeilt zum Tor des Abends.

Es war mehr als nur die Szene, die das Viertelfinalspiel vor 48 000 Zuschauern in der ausverkauften Frankfurter WM-Arena zu Gunsten der "Equipe Tricolore" entschied und dem Titelverteidiger das WM-Aus und damit das schlechteste Abschneiden seit dem Achtelfinal-K.o.1990 bescherte. Es war eine Szene, die symptomatisch war für das enttäuschende Bild, das die "Selecao" bei dieser WM abgegeben hat und die Quittung für ihren Minimalismus.

Mit dem geringstmöglichen Aufwand hatte das Team von Trainer Carlos Alberto Parreira den maximalen Ertrag von vier Siegen in vier Spielen eingefahren und war bis in die Runde der letzten Acht vorgedrungen. Dass seine Auswahl stets unter ihren unumstritten großartigen Möglichkeiten blieb, scherte den Coach wenig. "In den Geschichtsbüchern wird nicht vom schönsten Spiel erzählt, sondern von Champions", hatte der 63-Jährige immer argumentiert. Auch vor dem Spiel gegen die Franzosen forderte er "Kaltblütigkeit, Konzentration und Erfahrung" - nur kein "jogo bonito", kein schönes Spiel.

Vermutlich war es genau das, was die Ballartisten vom Zuckerhut, die beim Confed Cup 2005 mit Zauberfußball beeindruckt hatten, bei diesem Turnier überfordert hat. Die Tatsache nämlich, dass sie wider ihr Naturell den von Parreira verordneten Ergebnisfußball spielen mussten. Der Trainer gab sich der Fehleinschätzung hin, er könne aus einem sehr guten Team ein perfektes machen, indem er ihm vor allem größere taktische Ordnung, damit aber auch mehr Zwänge auferlegte.

Die brasilianische Defensive stand zwar recht gut, auch wenn gegen Frankreich Cafu völlig indisponiert wirkte und auch Roberto Carlos gegen den aufstrebenden Zidane-Nachfolger Franck Ribery so seine Problem hatte. Doch in der Vorwärtsbewegung fehlte den selbstgefälligen Südamerikanern nicht nur gegen "Les Bleus" fast alles, was sie sonst ausgezeichnet hatte: Laufbereitschaft und Durchsetzungskraft, Inspiration und Leidenschaft, Explosivität und Hingabe. Die Offensivkräfte von Ronaldo und Ronaldinho über Adriano bis Robinho, allesamt millionenschwer bezahlte Hochkaräter des Weltfußballs und eigentlich Garanten für Tricks und Tore, fanden nie wirklich ins Turnier.

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