Polizei
Im Gehege der Hooligans

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft landen Krawallmacher in eigens errichteten Gefangenensammellagern. Doch selbst beim Spiel der englischen Auswahl gegen die Schweden bleibt das provisorische Gefängnis in Brühl vor den Toren Kölns halb leer. Eine Inspektion.

BRÜHL. Gerhard Wallmeroth hat noch nicht viel zu bieten. Zurzeit kann er gerade mal fünf lethargische Lebewesen präsentieren - obwohl jede der zehn Zellen Platz für dreißig Exemplare bietet. Trotzdem hat der Mann mit Bart und Brille, dessen rollendes R den Westerwald verrät, sie vorsichtshalber streng nach Staatsangehörigkeit trennen lassen. "Wir wollen ja nicht, dass sie sich gegenseitig verletzen."

Besonders aggressiv wirken die Bewohner der Gitterkäfige allerdings nicht. Während ein halb nackter Deutscher auf einer Gummimatte seinen Rausch ausschläft, hängen vier Engländer müde an den Stäben. "Ja, ein bisschen langweilig ist es hier schon", gibt Wallmeroth zu. "Aber besser so als andersrum."

Damit nichts andersrum läuft, ist er hier in Brühl, einem Ort in der Nähe von Köln. Es ist Dienstagabend, Deutschland hat sein letztes Vorrundenspiel bei der Fußballweltmeisterschaft 3:0 gegen Ecuador gewonnen. Gleich müssen die Engländer in Köln gegen Schweden ran. Das könnte Krawalle geben.

In Brühl herrscht deshalb Sicherheitsstufe eins. Im Vorfeld hat es Hinweise gegeben, dass sich Hooligans zu Schlägereien verabreden. Doch Wallmeroth, Leiter der Polizeiinspektion Südost, ist die Ruhe selbst. Noch ist seine Gefangenensammelstelle ein Raubtiergehege ohne Raubtiere.

Gefangenensammelstellen, kurz Gesas, werden vor jedem Spiel aufgebaut. Sie sind Teil des Sicherheitskonzepts bei der Fußball-WM. Es geht um die Ruhe im Land und den guten Ruf des Gastgebers. Deshalb haben die Organisatoren nichts dem Zufall überlassen. Video- und Luftraumüberwachung, innere und äußere Sicherheitsringe rund um die Stadien, massive Polizeipräsenz - bei der WM gibt es kein Entkommen.

Die Gefangenensammelstelle in Brühl liegt auf einem Gelände, wo normalerweise die Hundertschaften der Polizei untergebracht sind. Ein 28 Hektar großes Areal mit Kantine, Schwimmbad, Sportplätzen und Schießständen muss jetzt für andere Bewohner herhalten - für Hooligans, Kleinkriminelle und Ausnüchterungsbedürftige. Wo sonst die Einsatzfahrzeuge der Polizei gewartet werden, stehen zehn provisorische Zellen, in die jeweils bis zu 30 Personen passen. "Dann wird es allerdings etwas eng", scherzt ein Polizist.

So weit kommt es aber nicht. Denn diese WM scheint anders zu sein. Größere Ausschreitungen sind bislang nahezu ausgeblieben. Party statt Pöbeln: "Der Wunsch nach friedlichem Feiern scheint größer zu sein als die Lust auf Prügeleien", sagt Rainer Wolf.

Er muss es wissen. Wolf ist Oberstaatsanwalt in Köln und Spezialist für die Hooligan-Szene. Er war der Erste in Deutschland, der seinen Arbeitsplatz dahin verlegte, wo Randale drohte. Seit 1980 hockt der 59-Jährige mit dem weißen Haarkranz und dem Dreitagebart, der stets ein wenig gebückt läuft, bei jedem Bundesliga-Spiel auf seinem Stammplatz im Kölner "Rhein-Energie-Stadion". So ist er sofort zur Stelle, wenn es Ärger mit gewaltbereiten Fans gibt. Er berät die Polizei, wenn nötig beantragt er Haftbefehle.

Dass sein FC abgestiegen ist, hat ihn schwer getroffen. Auch beruflich. "In der zweiten Liga geht es viel rauer zu." Auf dem Platz und in den Fanblocks. Bei der Fußball-WM dagegen schiebt der Strafverfolger Dienst in der Gefangenensammelstelle. Weil er davon überzeugt ist, dass es im Stadion keine Krawalle geben wird. Die schlimmsten Hooligans haben gar keine Karten bekommen, meint Wolf. Dafür habe vor allem die personalisierte Ticketvergabe gesorgt.

Bislang scheint er Recht zu behalten. In Brühl haben die 250 Einsatzkräfte noch nicht viel zu tun. Die Männer und Frauen in dunkelgrüner Kampfmontur sonnen sich auf dem Gelände, rauchen Zigaretten oder verfolgen die WM auf den zahlreichen TV-Geräten. Nicht eine einzige Straftat gibt es zu vermelden.

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