Premier League-Dominanz
Kommentar: Geld schießt doch Tore

„Geld schießt keine Tore" - mit diesem Spruch trösten sich seit Jahrzehnten die Anhänger von Fußballvereinen, wenn ihnen beim Blick auf finanzstarke Rivalen der Neid aufsteigt. Und der Spruch stimmt, wenn er sich auf Vereine bezieht, die auf die Schnelle mit dem Scheckheft sportliche Probleme lösen wollen und sich dafür womöglich unverantwortlich hoch verschulden. Auf die lange Sicht schießt Geld aber leider doch Tore, nämlich dann, wenn es kontinuierlich und reichlich vorhanden ist und von einem Top-Management und Top-Trainern ausgegeben wird.

Das belegt in diesem Jahr eindrucksvoll die Premier League, die Top-Etage des englischen Fußballs. Sie wird, wenn Liverpool am Mittwoch Abend nicht noch sensationell einen Drei-Tore-Vorsprung verspielt, mit drei Vereinen im Halbfinale der Champions League vertreten sein und nach den bisherigen Auftritten tippen die Buchmacher auf ein rein englisches Finale. Das ist kein einmaliger Ausreißer, sondern Folge einer langjährigen Entwicklung, die sich in den nächsten Jahren fortsetzen dürfte.

Mit Kopfschütteln, teils gar Amüsement, verfolgten deutsche Sportfans, wie die Premier League nach und nach zum Spielfeld für internationale Investoren wurde, von professionellen Sportteam-Betreibern wie den Glazers aus den USA, die Manchester United gekauft haben, bis zum populärsten Beispiel des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch, der den Hauptstadtverein Chelsea mit hunderten von Millionen Euro aufgepäppelt hat. Jetzt ist ihnen das Lachen vergangenen, denn die Investitionen zahlen sich sportlich aus.

Ein Teil der englischen Erfolgsgeschichte ist, dass sie sich inzwischen selbst antreibt. Die ersten Investoren haben die Mannschaften der zweiten Reihe geradezu genötigt, sich auch neue reiche Eigner zu suchen, um beim Kampf um internationale Spitzenspieler mitbieten zu können. Selbst graue Mäuse wie Aston Villa und West Ham United haben potente Käufer gefunden. Die Premier League beherbergt bereits eine Weltauswahl an Spielern, und sie wird noch stärker werden. Entsprechend steigen die Einnahmen aus der Vermarktung von Senderechten und Fan-Artikeln. Die Welle an Stadionneubauten treibt zudem die Einnahmen aus Eintrittspreisen.

Da kann selbst der finanzielle Spitzenreiter der Bundesliga, Bayern München, nur ohnmächtig die Wettbewerbsverzerrung beklagen. Was hilft ihm das solide Wirtschaften, wenn das Geld für den Kauf absoluter Spitzenspieler nicht mehr reicht? Muss die Bundesliga zuschauen, wie die Premier League die Vorherrschaft gewinnt und zementiert, womöglich zu einer Art Europaliga wird? Die Lösung ist vermutlich, dass sich auch deutsche Fußball-Clubs privaten Besitzern öffnen, und damit sind nicht westfälische Brauer oder fränkische Teppichhändler gemeint, sondern erfahrene Unternehmer mit Verständnis für das Entertainment-Geschäft und sehr tiefen Taschen. Sie werden das Sagen in den Clubs haben wollen, und warum eigentlich nicht? Börsengänge sind nicht die Lösung, das hat auch die englische Erfahrung gezeigt. Da sind reiche Gönner schon besser.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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