Querelen im DFB
Kuranyi und der provozierte Rauswurf

Der Eklat um Kevin Kuranyi und der prompt vollzogene Rauswurf des Schalker Stürmers aus der DFB-Auswahl zeigen: Die Zeiten, in denen Spötter der Nationalmannschaft Streichelzoo-Mentalität attestierten, sind längst vorbei. Auch der Hahnenkampf zwischen Manager Oliver Bierhoff und Kapitän Michael Ballack ist längst noch nicht beigelegt.

DORTMUND. Geahnt hat man es ja schon immer, wenn man ihn so spielen sah – den Ball zum Feind, oft hölzern und bisweilen tollpatschig. Nach einer der kuriosesten Episoden in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft dürfte nun gewiss sein: Kevin Kuranyi ist kein Liebhaber niveauvollen Angriffsfußballs. Sonst hätte er das Dortmunder Westfalenstadion am Samstagabend bestimmt nicht vor Spielende verlassen.

Aber zunächst die Fakten, wie sie sich in Ermangelung der Version Kuranyis bislang darstellen: Am frühen Nachmittag erfuhr der 26-Jährige in der Teamsitzung, dass er nicht im Kader für das Spiel gegen Russland stehen würde. Mehr als 18 Spieler darf ein Trainer nicht nominieren, und Joachim Löw entschied sich für die Stürmer Klose, Podolski, Gomez und Helmes. Kuranyi, auf diese Art von seinem angestammten Posten als Nummer vier im deutschen Angriff zur Nummer fünf degradiert, habe seine Enttäuschung darüber direkt nach der Sitzung zum Ausdruck gebracht, berichtete Löw gestern.

Im Laufe des Tages und besonders während der von deutscher Seite furios bestrittenen ersten Halbzeit reifte die Traurigkeit dann offenbar zu einem Gefühl tiefer Demütigung. Jedenfalls bat Kuranyi in der Pause darum, von seinem Sitzplatz bei der DFB-Entourage auf eine andere Tribüne wechseln zu dürfen. Angeblich wollte er dort Freunde treffen und sich mit ihnen das Spiel zu Ende ansehen. Tatsächlich verließ er das Stadion bald, ohne davon jemanden zu informieren. Als sie beim DFB sein Fehlen bemerkten, war die Nacht eigentlich zu Ende – ein fantastisches Fußballspiel 2:1 (2:0) gewonnen, die Gründe dafür besprochen, viele Menschen glücklich gemacht. Die Stimmung bei sommerlichen Temperaturen war friedlich, der Mannschaftsbus stand bereit zur Abfahrt. Ein paar Minuten telefonierten Teammanager Oliver Bierhoff und andere DFB-Mitarbeiter dem Vermissten noch hinterher, dann entschied Löw: Abfahrt. Als Trainer hatte er wohl den sichersten Instinkt dafür, was los war.

Verständnis für die Aktion hatte er deshalb noch lange nicht – als im Düsseldorfer Mannschaftshotel auch noch zwei Freunde des Schalkers auftauchten, um dessen Sachen abzuholen, beschloss Löw gemeinsam mit Bierhoff den Rauswurf Kuranyis aus der Nationalelf. Vor der Bekanntgabe aber sollte der Spieler allerdings eine Chance bekommen, sich zu äußern. Die Versuche der Kontaktaufnahme scheiterten allerdings weiter, am Sonntagmorgen erklärte Kuranyis Berater Roger Wittmann dann, dass es keine anderen als sportliche Gründe für Kuranyis Flucht gegeben habe. Nun ging auch der DFB an die Öffentlichkeit. „So, wie die Dinge abgelaufen sind, muss man ganz klar sagen, dass ich als Trainer ihn nicht mehr nominieren werde. Das kann man nicht tolerieren“, sagte Löw. Und DFB-Präsident Theo Zwanziger sekundierte: „Die Entscheidung war schlüssig, folgerichtig und logisch. Ich bin über das Verhalten von Kuranyi sehr enttäuscht. Joachim Löw hatte gar keine andere Wahl, das ist alles sehr bedauerlich.“

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