Reaktionen auf Klinsmann-Entscheidung
Kahn – am Tag danach

Auch in Oliver Kahns Heimatstadt Karlsruhe herrscht große Enttäuschung, nachdem Bundestrainer Jürgen Klinsmann dessen Konkurrenten Jens Lehmann bei der Fußball-WM ins Tor stellen will.

HB KARLSRUHE/STUTTGART. "Es war vor allem eine Entscheidung gegen die Bayern - Verantwortlichen, die Klinsmann nicht positiv gegenüberstehen", sagte die frühere Regierungspräsidentin Gerlinde Hämmerle den "Badischen Neuesten Nachrichten" (Samstag-Ausgabe). Ein Kahn-Fan machte an einer Tankstelle in Karlsruhe seinem Unmut Luft, indem er sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift 1 und Kahn auf der Rückseite zeigte. Vorne stand: "110 Prozent Anti Klinsmann." "Jetzt wird Trinidad & Tobago Weltmeister", meinte der Mann noch. Edmund Becker, der Trainer des Zweitligisten Karlsruher SC, würde natürlich "gerne Olli im Tor sehen. Aber ich bin befangen, ich war Co-Trainer von Winfried Schäfer, habe mit Olli zusammengearbeitet und er ist in Karlsruhe groß geworden." Man solle Klinsmanns Entscheidung respektieren und akzeptieren. "Man hätte meinen können, dass es nichts Wichtigeres auf der Welt gibt", kritisierte Becker die Wochen lange Aufregung um das Thema.

Der langjährige KSC-Präsident Roland Schmider war "überrascht" von der Degradierung seines früheren Torwarts. "Ich habe auf Olli gesetzt. Ich hoffe nur, dass er jetzt keinen Schnellschuss macht. Ich würde ihm raten - auch wenn er maßlos enttäuscht sein wird - die Entscheidung mit viel Gelassenheit hinzunehmen", sagte er.

Hoeneß hält Entscheidung für falsch

Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß hat Kritik an der Entscheidung von Klinsmann geübt. "Wir nehmen die Entscheidung hin, obwohl wir sie für falsch halten. Man kann aber nicht erwarten, dass wir in Halleluja ausbrechen, wenn unser bester Mann demontiert wird", sagte Hoeneß am Samstag dem Fernsehsender "Premiere". Er glaube, dass es Jens Lehmann schon seit eineinhalb Jahren gewusst habe, "deshalb war es für ihn keine Überraschung mehr".

Zudem kritisierte der Manager den Zeitpunkt der Entscheidung, von der der Bayern-Torhüter am Freitagmittag von Klinsmann in einem Münchner Hotel informiert worden war. "Ich finde den Zeitpunkt einen Tag vor unserem wichtigsten Spiel der Rückrunde sehr unglücklich. Man hätte sich am Sonntag in München treffen können, aber vielleicht ist da ja schon wieder ein Flugzeug nach Kalifornien unterwegs", sagte Hoeneß. Er glaube nicht, dass Kahn zurücktreten werde, so Hoeneß. "Es gibt gar keine Veranlassung für Oliver Kahn, jetzt alles hinzuschmeißen."

"Keine sportlichen Gründe"

Der ehemalige Nationaltorwart Toni Schumacher hat die Entscheidung ebenfalls kritisiert. "Für mich war klar, dass Oliver Kahn spielt, weil es keine sportlichen Gründe gab, ihn rauszunehmen. Aber Klinsmann hat wohl mehr nur die Leistung bewertet", sagte der Kölner in einem Interview der "Stuttgarter Nachrichten" (Samstag-Ausgabe). Klinsmann habe in seinem Gesamturteil auch das soziale Verhalten, die Außendarstellung und die Stellung innerhalb der Mannschaft bewertet. "Und da hat Lehmann besser abgeschnitten."

Für Kahn sei dies "ganz bitter", meinte Schumacher. "Kahn war über Jahre die unumstrittene Nummer eins im Tor, da fällt es immens schwer, sich bei einer WM auf der Ersatzbank zu motivieren - schließlich steht die vermeintliche Nummer zwei auf dem Platz." Für Lehmann (Arsenal London) bedeute die Anwesenheit seines Konkurrenten Kahn ein ständiges Stresspotenzial, wenn der Bayern - Profi bei der WM dabei sein werde. "1986, als Uli Stein nach Hause geschickt wurde, da habe ich richtig aufgeatmet", gab der 52 Jahre alte Schumacher zu, der zwischen 1979 und 1986 insgesamt 76 Länderspiele bestritt.

"Würde sofort zurücktreten"

Der frühere Fußball-Nationaltorhüter Uli Stein rechnet damit, dass Oliver Kahn nun Konsequenzen zieht. "Wenn ich an Kahns Stelle wäre, würde ich sofort meinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären", sagte der 51-Jährige in einem Interview der "Stuttgarter Zeitung" (Samstag-Ausgabe). Für Stein ist im Moment "ganz klar" Lehmann der bessere Schlussmann. Der Profi von Arsenal London habe speziell in der Champions League gegen Real Madrid seine Klasse gezeigt. "Seine Vorteile liegen vor allem in der Strafraumbeherrschung, im Mitspielen und in der Ruhe, die er auf die Mannschaft ausstrahlt", sagte Stein.

Für den früheren Keeper von Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld war Klinsmanns Entscheidung pro Lehmann von langer Hand vorbereitet. "Er wird nicht erst seit ein paar Wochen daran denken, Lehmann zur Nummer eins zu machen. Dieser Plan war von Anfang an in seinem Kopf drin, das war keine spontane Geschichte", meinte Stein. Für Kahn laute nun die Frage: "Ist er Manns genug, um das trotzdem zu akzeptieren? Kann er damit überhaupt leben?" Stein war vor der WM 1986 in Mexiko zum Ersatztorwart hinter Toni Schumacher degradiert worden. Nachdem er den damaligen Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" bezeichnet hatte, wurde er jedoch nach Hause geschickt.

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