Real Madrid
Schuster wagt Kampf gegen die Folklore

Bernd Schuster ging als „blonder Engel“ in die Fußballgeschichte ein – auch als Spieler vom spanischen Traditionsclub Real Madrid. Nachdem er dort bereits auf dem Platz gefeiert wurde, darf sich Schuster nun als zweiter deutscher Trainer Reals beweisen. Aber auch wenn sich damit ein Traum erfüllt, gleicht dieser Posten mehr als jeder andere einem Schleudersitz.

BERLIN. Warum es ausgerechnet gestern soweit war, wird wohl für immer das Geheimnis von Ramón Calderón bleiben. Seit Monaten versicherten seriöse Quellen, dass Bernd Schuster zur kommenden Saison neuer Trainer von Real Madrid werden würde. Vor drei Wochen endete die spanische Liga. Vor zwei Wochen wurde Meistertrainer Fabio Capello entlassen. Aber Calderón, Präsident des berühmtesten Fußballklubs der Welt und eigentlich erklärter Schuster-Fan, zögerte immer noch. Bezeichnete es mal als „logisch“, dass der Deutsche kommen würde, drohte dann wieder mit Alternativen. Zuletzt bestand er darauf, dass Schuster die vertraglich fixierte Ablöse an seinen Ex-Klub FC Getafe, 480 000 Euro, selbst bezahlen müsse. Als ob das eine Summe wäre, die bei einem Verein wie Real Madrid irgendeine Rolle spielen würde.

Es ging um etwas Grundsätzliches, wenn Calderón betonte: „Real Madrid zahlt niemals, um einen Trainer zu verpflichten“. Es ging darum, dem Neuen schon einmal seinen Platz zuzuweisen in der Kultur dieses Klubs. Bei den Hauptstädtern übernehmen traditionell Präsident und Spieler die Hauptrollen, der Trainer wird als austauschbarer Statthalter gesehen. Nicht zufällig verbinden sich die fünf europäischen Landesmeisterpokale in Folge, die Ende der fünfziger Jahre den Mythos Real Madrid begründeten, mit den Namen von Präsident Santiago Bernabéu und Stürmer Alfredo Di Stéfano. Oder erinnert sich irgendwer an die Trainer José Villalonga Corriente und Luis Carniglia?

So sehr Experten die Notwendigkeit von Kontinuität betonen, hat sich an den Koordinaten auch im neuen Millenium nichts geändert. Das „galaktische“ Real von Präsident Florentino Pérez beschäftigte die wunderbarsten Fußballer seiner Zeit – und, seit der Entlassung von Vícente del Bosque 2003, fünf Trainer. Del Bosque hatte eine Halbwertzeit von dreieinhalb Jahren und kam der kaum erklärlichen Ausnahme von der Regel, Miguel Muñoz (1960 bis 1974), so nahe wie kein anderer vor und nach ihm. Selbst als Madrid zwischen 1986 und 1990 fünf Mal in Folge spanischer Meister wurde, verschliss es drei Trainer. Calderóns Entlassung von Capello, sie war nicht mehr als ein Tribut an die Klubfolklore.

Nun also Schuster. „Er verkörpert alle Tugenden, auf die ein Klub wie unserer Wert legt“, säuselte Calderón gestern Nachmittag bei der offiziellen Vorstellung im Estadio Santiago Bernabéu: „Glänzendes Spiel, Leidenschaft und Courage“. Der Deutsche lebt lange in Spanien, er hat drei Jahre für Real gespielt, er weiß natürlich um die Vergänglichkeit solcher Worte. Er weiß, wie allein ein Trainer bei Real dasteht, wenn schlechte Ergebnisse oder schlechtes Spiel oder einfach der Auflagenkrieg der beiden großen Sporttageszeitungen „As“ und „Marca“ ein Klima erzeugen, in dem Präsident und Sportdirektor nur noch ihre eigene Haut retten wollen.

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