Regionalligen als Zuschauermagnet
Die kleine Königsklasse

Der Sender Sport1 überträgt Topspiele der Fußball-Regionalliga. Dort tummeln sich alte Fußballgrößen wie Alemannia Aachen und Rot-Weiß Essen. Die Liga kokettiert mit Kult – und zieht mehr Publikum als manche Bundesliga.
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AhlenJörg Dahlmann steht am Spielfeldrand des Ahlener Wersestadions und blättert durch seine Unterlagen. „Ich musste nicht mal meine Eintrittskarte zeigen, um hier reinzukommen“, sagt der Kommentator, der sich auf das Regionalliga-West-Duell zwischen RW Ahlen und RW Oberhausen vorbereitet. „Ich hätte mir bestimmt noch ein Stückchen Kuchen mopsen können. Es wäre keinem aufgefallen.“ Seit 1983 berichtet Dahlmann aus Deutschlands Fußball-Stadien. Nur nach Ahlen hat es den 56-Jährigen noch nicht verschlagen.  „Hier war ich noch nie.“

Seit der Spielzeit 2013/14 überträgt der TV-Sender Sport1 die Topspiele der Regionalliga und freut sich über hohe Einschaltquoten. Das gefällt nicht nur Dahlmann und dem Münchner Sender, sondern auch den Amateur-Vereinen. Denn in den fünf Regionalliga-Staffeln wimmelt es nur so vor schlummernden Fußball-Riesen und  Traditionsclubs, die unbedingt wieder in die Bundesliga wollen. „Die Regionalliga strahlt ein ganz besonderes Flair aus – und hier wird auch richtig guter Fußball gespielt“, sagte Olaf Schröder, Geschäftsführer bei Sport1. Dem schließt sich der Vize-Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes, Jürgen Faltenbacher, gerne an: „Wir können unsere Vereine und die Topspieler von morgen ins Schaufenster stellen“,  sagte er dem Spartensender Sport1.

Besonders reizvoll für die Live-Übertragungen: die Staffeln West und Süd-West. Bis zu 20 Duelle überträgt der Sportkanal. Dafür sicherte sich Sport1 2014 die Rechte. Sieben Partien sollen jeweils aus dem Westen und Süd-Westen übertragen werden, jeweils drei Aufeinandertreffen aus der Regionalliga Nord und Bayern. „Schade, dass wir nicht aus dem Nord-Osten berichten können“, hadert Dahlmann. Der Mitteldeutsche Rundfunk war schneller, fädelte noch vor Sport1 eine Kooperation mit der Liga ein. „Ich wäre gerne ´mal nach Magdeburg gefahren.“

Aber Ahlen ist ja auch ganz nett, nur eine Nummer kleiner. 2.300 Zuschauer verfolgten im Stadion das West-Duell zwischen den Rotweißen aus Ahlen und den Rotweißen von der Emscher. Vor dem Bildschirm sahen derweil 200.000 Menschen Oberhausens 2:0-Sieg. „In der Spitze hatten wir 330.000 Zuschauer“, so Sport1-Sprecher Robert Hettich. Das machte einen Marktanteil von 1,3 Prozent. Zum Vergleich: Die Zweitliga-Partie zwischen dem 1.FC Nürnberg und 1860 München sahen im Schnitt 1,25 Millionen (1,76 Millionen zur Spitzenzeit).

„Die Einschaltquote lag unter dem bisher erreichten Zuschauerschnitt bei den Regionalliga-Übertragungen, wobei die ungewohnte Sendezeit um 19 Uhr zu berücksichtigen ist“, erklärt Hettich, dass auch das Champions-League-Duell zwischen Rom und Leverkusen in der ARD Zuschauer kostete. In der letzten Saison lag der Schnitt bei 320 000 Fans. Die Spannweite geht aber weit auseinander: Das Derby zwischen Oberhausen und Wattenscheid interessierte Anfang Februar nur 150.000 Zuschauer. Nur wenige Wochen später zeigte Sport1 erneut RWO. Dieses Mal gegen Alemannia Aachen und vor knapp einer halben Million vor dem Bildschirm. Beim Bezahlsender Sky sahen in der vergangenen Saison laut Branchendienst Meedia im Schnitt  320.000 Menschen die Partien des Bundesligisten Bayer Leverkusen.

„Man merkt bei den Zahlen aber, dass die Leute traditionsbewusst sind“, erzählt Dahlmann, der noch vor dem Spiel in Ahlen ein kleines Pläuschchen mit RWO-Zeugwart Helmut Bornemann hielt. „Der sagte mir tatsächlich, dass es sein Wunsch ist, am Mittelkreis im Niederrheinstadion begraben zu werden“, sagt Dahlmann, der anfügt: „Er meinte, dass er bereits alles vorbereitet habe. Solche Geschichten schreibt die Bundesliga nicht.“

Tatsächlich hat die Partie zwischen den Traditionsvereinen Alemannia Aachen und Rot-Weiß Essen erst Anfang des Jahres 30.000 Zuschauer in den Tivoli, das Aachener Stadion, gelockt. Für die vierte Liga ein Rekord. Aachens Zuschauerschnitt kletterte auf Saisonsicht auf 10.724. Der SC Paderborn hatte als Schlusslicht der Bundesliga einen Schnitt von 14.859 Zuschauern.  In der Eishockey-Bundesliga DEL sehen 11.161 Zuschauer die Heimspiele der Kölner Haie. 

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