Reiche Investoren
Im Sandkasten der Premier League

Wer viel Geld verdient, kann sich auch Kindheitsträume erfüllen. Berühmtes Beispiel ist Roman Abramowitsch: Der russische Milliardär kaufte kurzerhand den Londoner Fußballverein FC Chelsea. Seither ging so mancher Klub in Privatbesitz über. Doch manche Eigentümer vergessen, dass die Premiere League kein Spielzimmer ist.

BERLIN. Es gibt ein Spiel im Fußball, das hassen die meisten, ein paar halten es aus – und nur einige wirklich erlesene Charaktere lieben es. Das Spiel, das gemeint ist, findet nach dem eigentlichen Spiel statt: Es ist das Aftermatch.

José Mourinho, gebürtiger Portugiese und aus Berufung „the special one“, ist der wohl größte Verehrer dieser Postspielanalysen in Stadionkatakomben. In diesem Spiel kann Mourinho selbst verbale Flanken schlagen, Kontrahenten weggrätschen und Gegnern einen einschenken. In den wenigen Minuten, die dieses Spiel dauert, kommt José Mourinho, der Trainer, zur vollen Entfaltung.

Am Sonntag schritt Mourinho wieder in einen Stadionkeller hinab. Der FC Chelsea hatte soeben bei Aston Villa die erste Niederlage der Saison erlitten (0:2) und ein Chelsea-Funktionär der Tageszeitung „The Observer“ erzählt, dass Mourinhos Arbeitgeber Roman Abramowitsch sich in Eigenregie mit Ronaldinhos Manager und Bruder Roberto de Assis getroffen hätte. Auf die Frage, ob er davon etwas wisse, entgegnete Mourinho: „Nein.“ Auf die, wie er die Niederlage bewerte: „Viele Klubs haben gut und viel investiert. So wird es eine ganz offene Meisterschaft.“

So nüchtern und sachlich drechselt eigentlich nur Ottmar Hitzfeld Satzhülsen, weshalb so mancher Beobachter im Villa Park seinen Ohren kaum traute. Denn in Mourinhos Weltordnung geht die größte Gefahr für einen Trainer von spielzeugverliebten milliardenreichen Russen wie Abramowitsch aus. Schon im vergangenen Sommer etwa hatte der Portugiese den Spieltrieb seines Vorgesetzten zu spüren bekommen, als der ihm ungefragt den ukrainischen Stürmer Andrej Schewtschenko vorsetzte – versehen mit dem Wunsch: stürmen lassen!

Jetzt also Ronaldinho: Laut Observer sollen lediglich die vom FC Barcelona geforderten 150 Millionen Euro Ablöse den Wechsel an die Stamford Bridge verhindert haben. Daher, so waren sich gestern Englands Tageszeitungen einig, blieb der eigentlich obligatorische Tritt des Trainers gegen die Waden des Oligarchen aus.

Die Gefahr für Mourinho, weiter an Macht und Autorität innerhalb des Klubs zu verlieren, ist dennoch akut. Die Ronaldinho-Frage dürfte in Londons SWS 6 mit Öffnung der Tore des Transfermarktes im Januar erneut aufgeworfen werden. Zudem lässt Abramowitsch nichts unversucht, den machtbewussten Trainer in die Schranken zu weisen. Er zwang ihn, Schewtschenko zu integrieren, weshalb Mourinho von seinem erfolgreichen 4-3-3 aus den beiden Meisterjahren letzte Saison auf ein 4:4:2 umstellen musste, mit dem er 2006/2007 nur Zweiter wurde. Dazwischen setzte er ihm erst den Holländer Frank Arnesen als Chefscout vor die Nase und diesen Sommer den Israeli Avram Grant als Sportdirektor, beides Mourinhos Domänen.

Mit der gewünschten Wirkung: Mourinho hat erst gedroht zu gehen, jetzt schweigt er, was definitiv kein gutes Zeichen ist bei einem wie „the special one“. So könnte sich Abramowitsch eigentlich vergnügt zurücklehnen – so er denn völlig blind und taub sein sollte. Seine Sandkastenspiele haben den Klub bereits mit dem Schewtschenko-Transfer aus der Erfolgsspur gekippt, eine aus ökonomischer Sicht kurzsichtige Tölpelei, die der Zukunft des Klubs und seiner Bilanz schadet – eine Gefahr, die auch Mourinhos Kollege Arsene Wenger bei Arsenal London heraufziehen sieht.

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