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Deutsch, aber glücklich

Unverkrampftes Fahnenschwenken in Zeiten der Fußball-WM: Die Deutschen feiern ein Rendezvous mit dem kickenden Rest der Welt - ohne aggressiven Nationalismus.

BERLIN. Die Bänke auf dem Pfefferberg beben bereits vor dem Spiel Deutschland gegen Schweden. Die Nationalspieler ordnen sich auf dem Rasen, der die Welt bedeutet, in Reih und Glied, sie öffnen und schließen mit ernster Miene den Mund. Vor der großen Leinwand in Berlin-Mitte ist nicht auszumachen, ob sie tatsächlich zur Nationalhymne singen. Denn die Bude vibriert unter dem lauten Mitsingen der mehreren hundert Jugendlichen. "Einigkeit und Recht und Freiheit" pressen sie aus sich heraus wie auf einem Rockkonzert - und schnellen dazu in die Höhe, den Deutschland-Wimpel in der Hand. Zur Nationalhymne, das gehört sich so, steht man! Der Osten der Republik leuchtet unter den Strahlen vom Sonnengott Fußball. Nicht nur er.

Wenige Tage zuvor verlässt Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, frühzeitig die Sitzung des SPD-Beirats, die eingerollte rote Fahne fest unter dem Arm: "Wie? Mit roter Fahne zur SPD?" fragt einer. "Quatsch!" ruft er: "Das ist die Fahne von Trinidad und Tobago!" In diesen Tagen führen alle Wege zur WM.

Familie Kaysen im beschaulich-biederen Westteil der Stadt, in Friedenau, hat gleich zwei Flaggen im Haushalt. An der flammend roten Familienkutsche hängt das deutsche Nationalbanner, auf dem Balkon flattert die Fahne des bösen Erzrivalen Niederlande. Er ist Deutscher, sie ist Niederländerin. Die Ehe: ausnahmsweise ein Hort größter Toleranz. Ein Flaggenstreit droht nicht.

Auch nicht im Zentrum der Anbetung des Fußballgotts, vor der riesigen Leinwand am Brandenburger Tor. Hier locken die Spiele täglich Hunderttausende Fans ins schattenlose Fußballreich. Wie bei Iran gegen Portugal. Zwei Dutzend Iraner schwenken Fahnen neben drei Dutzend Portugiesen. Auch hier kein Fahnenzwist, vielmehr allseitiges Zuwinken. Fixe Fotografen, in Erwartung politischer Demos und gelüpfter Tschadors herbeigeeilt, drücken kaum ab. Hier steigt eine Fete, kein Polit-Theater. Heiter begrüßen sich die nationalen Symbole. Und sonst gar nichts. Keine tiefere Bedeutung.

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