Russland und der Fußball

Moskau im WM-Fieber

Seit 2010 bereitet sich Russland auf seine Rolle als Gastgeber der FIFA 2018 vor. Doch während weltweit Fans dem Turnier entgegenfiebern, plagen gewalttätige Hooligans und ein Dopingskandal die Regierung des Landes.
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Soldaten der Kreml-Garde marschieren über das Gelände des Kreml, wo die Gruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ausgelost wurden. Quelle: dpa
WM-Auslosung in Moskau

Soldaten der Kreml-Garde marschieren über das Gelände des Kreml, wo die Gruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ausgelost wurden.

(Foto: dpa)

MoskauWährend wenige Kilometer weiter Fußballlegende Gary Lineker unter den Kronleuchtern des Kremlpalasts die WM-Partien auslost, sitzt Vitali Vasin in seiner Stammkneipe direkt am Stadion seines Lieblingsvereins: Spartak Moskau. „Wir erwarten nicht den WM-Pokal“, meint der 52-Jährige mit einem Grinsen. Von hier aus beobachtet der Autohändler seit Jahren das Auf und Ab des russischen Fußballs. „Wir waren schon mal besser, aber der Heimvorteil wird wie immer unterschätzt“, erklärt er. Laut der FIFA Weltrangliste ist Gastgeber Russland auf Platz 65 der schwächste Teilnehmer des Turniers, zwei Plätze hinter Saudi-Arabien. Sorgen macht sich Vasin deshalb aber nicht. „Listen sind das eine, entscheidend sind die 90 Minuten auf dem Platz“. Als tatsächlich Saudi-Arabien als erste Gruppengegner gewählt wird, kann Vasin sich ein Lachen nicht verkneifen.

Mit der Auslosung der Gruppen beginnt nicht nur in Vasins Stammkneipe das Vorfiebern auf die WM in Russland. Weltweit beginnen nun Fans, ihre Reisepläne zu schmieden. Doch bis zum Eröffnungsspiel am 14. Juni 2018 in Moskau hat das Land noch einen weiten Weg vor sich. Während die Euphorie für das Turnier sich Vorort erst noch in Grenzen hält, plagt ein krimireifer Dopingskandal den Fußballverband und die Regierung. Die ist derweil noch damit beschäftigt, russischen Hooligans Einhalt zu Gebieten und die Ängste um terroristische Anschläge zu beschwichtigen.

Die Schauplätze der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland
Moskau
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Mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt Europas und gilt als Machtzentrum Russlands. Zu den wichtigsten Wahrzeichen gehört der Kreml am Roten Platz. Hinter Backsteinmauern lenkt dort Präsident Wladimir Putin die Geschicke des Landes. Moskau hat zwei WM-Stadien: die Arena des Traditionsclubs Spartak sowie das renovierte Luschniki-Stadion, wo Eröffnungsspiel und Finale stattfinden.

Kasan
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Die Hauptstadt der ölreichen Teilrepublik Tatarstan gilt als Beispiel für ein Miteinander der Kulturen – hier stehen Moscheen muslimischer Tataren neben orthodoxen Kirchen christlicher Slawen. Sportliches Aushängeschild der Stadt an der Wolga ist Rubin Kasan.

Sotschi
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Dank der Olympischen Winterspiele unter Palmen wurde der beliebte Badeort mit subtropischem Klima 2014 weltbekannt. Zudem hat Sotschi eine Formel-1-Rennstrecke. Die russische Elite schätzt den Ort am Schwarzen Meer als Feriendomizil.

St. Petersburg
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Zar Peter I. gründete die Stadt 1703 als „Fenster nach Europa“ seines Reichs. Hier ergriffen die Kommunisten 1917 die Macht. Zu Sowjetzeiten hieß die Stadt an der Newa Leningrad. Heute ist die Touristenmetropole die zweitgrößte Stadt Russlands. Das Zentrum ist Unesco-Welterbe und wird wegen seiner malerischen Flüsse und Kanäle auch als „Venedig des Nordens“ bezeichnet.

Jekaterinburg
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Die nach Zarin Katharina I. benannte Stadt am Ural-Gebirge gilt als Tor nach Sibirien. 1918 wurde hier Zar Nikolaus II. mit seiner Familie ermordet. In der Region sind Schwerindustrie und Waffenschmieden angesiedelt. Als prominentester Sohn der Stadt gilt Ex-Präsident Boris Jelzin (1931-2007).

Kaliningrad
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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Stadt Königsberg der UdSSR zugesprochen. Heute grenzt das westlichste Gebiet Russlands nur an EU-Staaten. Als bekannteste Persönlichkeit der Ostsee-Region zwischen Polen und Litauen gilt der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804).

Nischni Nowgorod
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Die Stadt an der Mündung der Oka in die Wolga war im 19. Jahrhundert ein Konkurrent für Moskau als Handelsdrehscheibe. Ein Sprichwort sagt noch heute: „Moskau ist das Herz Russlands, St. Petersburg der Kopf und Nischni Nowgorod seine Tasche.“

Seit 2010 laufen nun in Russland die Vorbereitungen auf das Turnier. Damals gewann die russische Delegation in einem unumstrittenen Wahlgang den Zuschlag als Austragungsort. In Russland begann die Vorfreude, in den Umfragen des Levada Instituts stieg umgehend das Ansehen des Westens unter russischen Bürgern. „Das ist heute undenkbar“, meint Grigory Lezkow, der neben Vitali Kemzow an der Theke lehnt. „Die Welt ist heute ganz anders“, das wirke sich auf die Vorfreude auf. „Alles denken nur noch an Politik.“ Doch sobald die WM anfange, verfliege das alles – so hofft er zumindest.

Doch bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor dem Land. Sehr wahrscheinlich werden die zwölf Stadien, bis auf das Sorgenkind Samara, am Tag des Eröffnungsspiels am 14. Juni 2018 in Moskau fertiggestellt sein. Auch wenn die Bauarbeiter dafür Doppelschichten einlegen müssen, ungeachtet der Kritik der Menschrechtsorganisation Humans Rights Watch. Sie kritisiert seit Monaten menschenunwürdige Arbeitsbedingungen für die Arbeiter, von denen viele aus den ärmeren Kaukasusrepubliken stammen. Etwa 9.6 Milliarden Euro hat die russische Regierung bisher in die Entwicklung der Stadien, Hotels und der öffentlichen Verkehrsmittel investiert. Für einige der elf Austragungsorte sind das die ersten großen infrastrukturellen Investitionen seit dem Zerfall der Sowjetunion vor 26 Jahren.

Viel mehr als um die Fertigstellung der Stadien sorgt man sich in Moskau jedoch um terroristische Anschläge und russische Hooligans. Laut dem russischen Geheimdienst FSB kämpfen knapp 2900 russische Staatsbürger für die Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien, dazu kommen weiter 2000-4000 Kämpfer aus den zentralasiatischen Republiken. In den sozialen Netzwerken gibt es fast täglich neue Drohungen gegen Veranstalter, Fans und Spieler. Ein vom IS im Oktober 2017 veröffentlichtes Plakat zeigt den argentinischen Star Lionel Messi mit Blut im Gesicht und der Aufschrift: „Wir kennen kein Scheitern“.

Der skandalgeplagte Sportminister Mutko lässt derweil verlauten, man habe bisher knapp 450 Millionen Euro investiert, um die Sicherheit von Fans und Spielern während des Turniers zu gewährleisten. Beim Testlauf, dem Conferederations Cup, erwies sich das russische System als effizient, laut eigenen Angaben verhinderte der Sicherheitsapparat mehreren Anschläge.

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