Später Triumph im Elfmeter-Drama
Ein einziger enthemmter Jubelschrei

Aus dem tiefen Tal des Mitleidens zur enthemmten Freude: So ein heiß-kaltes Wechselbad der Gefühle erlebten die Millionen Fußballfans auf den WM-Partymeilen noch nie.

HB BERLIN. Der zum Schluss sensationelle K.o.-Sieg für Deutschland im Viertelfinale nach Elfmeter-Schießen gegen die schon fast als Sieger feststehenden Argentinier lässt das Märchen auch für die zunächst geschockten und in ihrer Euphorie gebremsten Fans nun doch weitergehen.

In die verbreitete Stille nach dem 1:0 für Argentinien durch Ayala (49.) platzten wilde Freudenschreie, als Klose (80.) ausglich. Ein einziger enthemmter Jubelschrei im Land, als im Elfmeterschießen Lehmann zwei Mal überragend hielt. Die Fans sahen, wie sich auf der Ehrentribüne des Olympiastadions "Kaiser" Franz Beckenbauer und Kanzlerin Angela Merkel in den Armen lagen.

Was für eine Psycho-Prüfung für die Massen bei der Live- Übertragung aus dem Berliner Olympiastadion: Alles schien aus und vorbei. Das kühle Rasenschach der Argentinier ließ die gut zwei Millionen Fans auf den Partymeilen zum ersten Mal richtig leiden. Am Freitag hatten die zum Feiern aufgelegten Menschen ein ganz neues Gefühl zu verkraften: Schock, Entsetzen, zeitweise Grabesstille, wo bisher so viel Freude und Jubel waren. Nervöses Knistern in der Luft über den Fanfesten, angstvolle Blicke auf die Videowände, die Nerven zum Zerreißen gespannt: Für die deutschen Zuschauer auf den WM- Partymeilen war die Psycho-Show aus Berlin noch nie so anstrengend wie diesmal.

Gut gelaunt und wie immer voller Optimismus waren die Massen in einer wahren Völkerwanderung aus allen Richtung herbeigeströmt. Doch die Stimmung war die längste Zeit über nicht zu halten.

Schon früh im Spiel war viel Gelegenheit für Stoßseufzer und Gebete. Bald packten viele Fans ihre Schilder mit der Aufschrift "Adios Argentina" ein, und der WM-Hit "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" erklang immer seltener und zaghafter. So viele über dem Kopf zusammen geschlagene Hände wie zuvor bei keinem Spiel der Gastgeber waren zu sehen. Ernüchterung machte sich breit, als Ayala mit dem Treffer in der 49. Minute die Euphorie der WM-Sause dämpfte.

Vor dem erwartet schweren Match gegen die starken Südamerikaner war alles so schön wie immer. Stunden vor Anpfiff begann der Ansturm. Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Dortmund meldeten fast zeitgleich: Die Fanfeste sind dicht. Ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer deckte auch wieder die größte deutsche Fanmeile auf der Straße des 17. Juni in Berlin zu. Nach Angaben des Senats waren ungefähr so viele Fans versammelt wie beim 2:0 über die Schweden, als es gut 750 000 waren. Erstmals mehr als eine halbe Million Menschen versammelte sich auf den Public-Viewing-Plätzen in Nordrhein-Westfalen.

Auch in Hannover strömten schon Stunden vor dem Anpfiff des Fußball-Klassikers im Berliner Olympiastadion (17.00 Uhr) die Massen vor die Videowände an der Waterloo-Säule. Diesmal waren überall auch viele Cafés, Restaurants, Biergärten und Gaststätten mit TV- Übertragung "proppevoll", hieß es.

Zuschauer-Rekorde wurden in mehreren großen Städten gemeldet. In Stuttgart schloss die Polizei das Public Viewing am Schlossplatz eine Stunde vor Anpfiff, nachdem sich dort bereits mehr als 40 000 Menschen drängelten. Schon Stunden vor dem Spiel hatten sich in der Main-Arena in Frankfurt rund 40 000 Fans eingefunden.

Mehrere Städte hatten bereits am Freitag zusätzliche Feierplätze angeboten. In Hamburg wurde die Partie nun auch auf dem Spielbudenplatz in St. Pauli gezeigt, so dass weitere 30 000 Fans die Übertragung verfolgten konnten. Auf dem Heiligengeistfeld verfolgten gut 70 000 Menschen mit Zittern und Bangen das harte Duell mit den Südamerikanern.

Die WM-Party blieb allerorten friedlich und weiterhin international. In Hamburg machten sich schon zum Deutschland-Spiel die Fans der Gegner des zweiten Viertelfinals zwischen Italien und der Ukraine in Blau und in Gelb-Blau bemerkbar. In Gelsenkirchen freuten sich die Fans von der Insel einen Tag vor ihrem Viertelfinale gegen Portugal über eine Geste: Die Stadt richtete eigens die Trabrennbahn her, wo am Samstag bis zu 80 000 Briten das Spiel mit original BBC-Kommentar sehen und hören können.

Seite 1:

Ein einziger enthemmter Jubelschrei

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%