Sportpsychologe über Klopp
„Auch ein Vorbild ist keine Maschine“

Die Ausraster von Jürgen Klopp polarisieren: Was für die einen sympathisch ist, finden andere zügellos und primitiv. Sportpsychologe Jürgen Walter spricht im Interview über das Alpha-Tier mit Vorbildfunktion.
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Handelsblatt Online: Herr Walter, wie bewerten Sie Jürgen Klopps Ausraster gegen den vierten Offiziellen in Neapel aus psychologischer Sicht?
Jürgen Walter: Man musste schon die Sorge haben, dass er den vierten Offiziellen körperlich angreift. Dann wäre die rote Linie überschritten gewesen. Letztlich hat er sich Respekt verschafft, obwohl er auf die Tribüne musste. Man kann vor so einem wichtigen Spiel auch kein autogenes Training in der Kabine machen. Man muss sich pushen. Allerdings hat sich Jürgen Klopp selbst so sehr gepusht, dass in dieser Situation die sportliche Fairness gelitten hat.

Neapel-Coach Rafael Benítez saß sogar bei den Toren seiner eigenen Mannschaft ganz seelenruhig auf der Bank und kritzelte nur seinen Block voll. Von Emotionen keine Spur. Ist also die ruhige Variante erfolgversprechender?
Zu viel Passivität ist auch nicht gut, denn sie überträgt sich genauso auf das Team wie Übermotivation. Ein Alpha-Tier wie Klopp kann mit seinem dominanten Auftreten strittige Spielentscheidungen durchaus zu Gunsten seiner Mannschaft beeinflussen – seien es Foulelfmeter oder Freistöße aus gefährlichen Situationen. Schiedsrichter bestreiten das, aber wissenschaftliche Studien belegen, dass sie sich sehr wohl davon beeinflussen lassen.

In Neapel war es nicht das erste Mal, dass der Dortmunder Trainer an der Seitenlinie die Beherrschung verloren hat. Warum passiert ihm das immer wieder? Ist er nicht Profi genug, um sich in solchen Situationen im Griff zu haben?
Der Mensch ist keine Maschine. Sowohl Spieler als auch Trainer überschätzen sich und denken, sie hätten ihre Emotionen jederzeit im Griff. Gerade erfolgreiche Trainer lassen sich nur ungerne psychologisch beraten, weil sich viele für unangreifbar halten. Das ist das Drama im Fußball: Keiner gibt zu, psychologische Betreuung nötig zu haben. Viele merken auf diesem Niveau nicht, dass man auch Training zwischen den Ohren braucht.

Hat das nicht auch viel mit klassischen Männlichkeitsidealen zu tun, die im Fußball die Norm sind – ein echter Kerl zeigt keine Schwäche?
Das ist auf jeden Fall so. Ich lache mich aber kaputt darüber. Ich betreue gerade einen Ex-Profi vom 1. FC Köln, der Angst davor hat, dass seine ehemaligen Teamkollegen davon erfahren. Die Frage ist doch, wie die Vereine das nach außen verkaufen. Wenn sie froh sind, ihren Mannschaftspsychologen nicht in Anspruch nehmen zu müssen, dann läuft sowieso schon etwas falsch. Außerdem können viele Vereine nicht zwischen Mentaltrainern und ausgebildeten Sportpsychologen unterscheiden. Sicherlich gibt es auch sehr gute und erfahrene Mentaltrainer, aber viele hinterlassen oft verbrannte Erde.

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„Seine Reue nehme ich ihm ab“

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