Sportrichter Hans E. Lorenz
„Der Fußball wird immer anständiger“

Bayer Leverkusen verliert in Mainz – und Trainer Roger Schmidt sitzt abseits auf der Tribüne. Dorthin gebracht haben ihn eine Unsportlichkeit – und Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts. Ein Gespräch.

DüsseldorfHans Eberhard Lorenz ist neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer am Landgericht Mainz auch ehrenamtlicher Vorsitzender des Sportgerichts des Deutschen Fußballbundes (DFB). Für den größten Sportverband der Welt verhandelt er die härtesten Fälle. Sei es ein Phantomtor, Platzsturm in der Relegation – oder ein Trainer, der sich vom Schiedsrichter nicht auf die Tribüne verbannen lässt.

Herr Lorenz, mit welchem Gefühl verfolgen Sie den Spieltag, wenn Sie wissen, dass ein Trainer, den Sie unter der Woche zu einer Sperre verurteilt haben, auf der Tribüne sitzt?
Das berührt mich überhaupt nicht. Herr Schmidt wird dieses Spiel womöglich von einem besseren Platz als der Trainerbank aus verfolgen können.

Es wurde viel und laut über den Fall diskutiert. Ist Schmidt mit drei Spielen Sperre jetzt gut davon gekommen?
Es wurden alle Meinungen vertreten, von „Dusel-Urteil“ bis „völlig überzogen und knallhart“. Es gibt wahrscheinlich deshalb keine einhellige Meinung, weil es in der Vergangenheit in der Bundesliga einen Vergleichsfall noch nicht gegeben hat. Wir mussten uns aus dem Spektrum der infrage kommenden Sanktionen, also Geldstrafen, Innenraumverbot bis zu fünf Spielen oder totales Funktionsverbot, für eine entscheiden. Wir haben die Sanktion aus der Mitte des Spektrums genommen.

War das ein schwieriger Entscheidungsprozess?
Nicht schwieriger als viele andere auch. Ich schaue mir die Vorschriften noch einmal an, lese mir die Möglichkeiten durch und bewerte den Vorgang. Der Vorgang ist die Nichtbefolgung der Anordnung des Schiedsrichters, das war der Schwerpunkt der Vorwerfbarkeit. Das geht einher mit dem Risiko des Spielabbruchs. Wenn Herr Zwayer nicht hätte weiter spielen lassen wollen, hätte er das Spiel auch abbrechen können. Und wenn ein Trainer sich in die Nähe der Verursachung eines Spielabbruchs begibt, dann wiegt das natürlich sehr viel schwerer als wenn er nur etwas rein ruft oder hinterher sagt „heute sind wir betrogen worden“.

Denken Sie, die Strafe erzielt eine Wirkung bei Roger Schmidt?
Die Sanktion erstreckt sich auf fünf Spiele, von denen drei zu verbüßen sind und zwei weitere auf 1,5 Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Aussetzung zur Bewährung erhöht den Druck auf Roger Schmidt, sich zukünftig Schiedsrichtern gegenüber zu disziplinieren. Sie hat daher auch eine erzieherische Komponente.

War es einer der schlimmeren Fälle ihrer Karriere? Man denke nur an den Relegationsskandal zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin.
Der Fall Hertha BSC war natürlich schwieriger. Und die Sanktion ging viel weiter. Da war ein ganzer Verein betroffen, in diesem Fall ist es nur eine Einzelperson, die auf die Zeit von nur einer Woche – wir haben jetzt eine englische Woche.

Häuft es sich, dass Trainer aggressiver auftreten?
Aus unserer Sicht ist es nicht so. Wir sehen es natürlich nur mittelbar, nur das, was uns gemeldet wird. Die Meldungen haben nicht zugenommen. Vielleicht hören sich die Unparteiischen mehr an. Als berichtet wurde, dass in der Bundesliga Augsburgs Markus Weinzierl unter Schiedsrichtern als auffälligster Trainer gelten soll, war ich überrascht. Denn gegen den hatten wir noch nie ein Verfahren. Nach meinem Eindruck gibt es immer drei, vier temperamentvolle Leute, mit denen die Schiedsrichter ihre Probleme haben, die anderen arbeiten sehr manierlich. Jürgen Klopp war natürlich immer ein potenzieller Kunde. Aber der ist weg und einen richtigen Nachfolger hat er noch nicht gefunden.

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„Von einer Verrohung der Sitten kann man nicht sprechen“

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