Samara

Im vergangenen September konnte man ein WM-taugliches Fußballstadion noch nur erahnen.

(Foto: AP)

Stadien der Fußball-WM Russland verklagt trödelnde Baukonzerne

Die russische WM-Vorbereitung wird mit Argusaugen beobachtet. Nach anhaltender Kritik von außen ist nun aber die russische Führung selbst in Rage geraten.
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MoskauNur wenige Monate vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft sind die Skandale um anhaltende Verzögerungen und Verteuerungen beim Stadionbau nun zum Fall für die russische Justiz geworden: Das russische Sportministerium hat gegen mehrere beteiligte Baufirmen Klage in Höhe von drei Milliarden Rubel (etwa 43 Millionen Euro) wegen Vertragsbruchs erhoben.

In elf Städten und zwölf Stadien wird die Weltmeisterschaft im Sommer 2018 ausgetragen. Als Russland im Jahr 2010 die Austragungsrechte verliehen wurden, gab es gerade einmal zwei potenzielle WM-Stadien: Luschniki in Moskau und das Zentralstadion in Jekaterinburg; beide mussten für die WM allerdings umgebaut werden.

Die russische Führung hatte stets versichert, rechtzeitig fertig zu werden. Präsident Wladimir Putin versprach eine WM „auf höchstem Niveau“. Doch von Anfang an war die WM-Vorbereitung von Skandalen begleitet: Spekulationen um einen Boykott wegen der russischen Außenpolitik hielten sich hartnäckig.

Die Schauplätze der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland
Moskau
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Mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt Europas und gilt als Machtzentrum Russlands. Zu den wichtigsten Wahrzeichen gehört der Kreml am Roten Platz. Hinter Backsteinmauern lenkt dort Präsident Wladimir Putin die Geschicke des Landes. Moskau hat zwei WM-Stadien: die Arena des Traditionsclubs Spartak sowie das renovierte Luschniki-Stadion, wo Eröffnungsspiel und Finale stattfinden.

Kasan
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Die Hauptstadt der ölreichen Teilrepublik Tatarstan gilt als Beispiel für ein Miteinander der Kulturen – hier stehen Moscheen muslimischer Tataren neben orthodoxen Kirchen christlicher Slawen. Sportliches Aushängeschild der Stadt an der Wolga ist Rubin Kasan.

Sotschi
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Dank der Olympischen Winterspiele unter Palmen wurde der beliebte Badeort mit subtropischem Klima 2014 weltbekannt. Zudem hat Sotschi eine Formel-1-Rennstrecke. Die russische Elite schätzt den Ort am Schwarzen Meer als Feriendomizil.

St. Petersburg
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Zar Peter I. gründete die Stadt 1703 als „Fenster nach Europa“ seines Reichs. Hier ergriffen die Kommunisten 1917 die Macht. Zu Sowjetzeiten hieß die Stadt an der Newa Leningrad. Heute ist die Touristenmetropole die zweitgrößte Stadt Russlands. Das Zentrum ist Unesco-Welterbe und wird wegen seiner malerischen Flüsse und Kanäle auch als „Venedig des Nordens“ bezeichnet.

Jekaterinburg
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Die nach Zarin Katharina I. benannte Stadt am Ural-Gebirge gilt als Tor nach Sibirien. 1918 wurde hier Zar Nikolaus II. mit seiner Familie ermordet. In der Region sind Schwerindustrie und Waffenschmieden angesiedelt. Als prominentester Sohn der Stadt gilt Ex-Präsident Boris Jelzin (1931-2007).

Kaliningrad
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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Stadt Königsberg der UdSSR zugesprochen. Heute grenzt das westlichste Gebiet Russlands nur an EU-Staaten. Als bekannteste Persönlichkeit der Ostsee-Region zwischen Polen und Litauen gilt der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804).

Nischni Nowgorod
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Die Stadt an der Mündung der Oka in die Wolga war im 19. Jahrhundert ein Konkurrent für Moskau als Handelsdrehscheibe. Ein Sprichwort sagt noch heute: „Moskau ist das Herz Russlands, St. Petersburg der Kopf und Nischni Nowgorod seine Tasche.“

Kritik aus dem Ausland gab es in erster Linie wegen des Vorgehens auf der Krim und in der Ostukraine, aber auch in Syrien oder wegen der mutmaßlichen Einmischung Moskaus in westliche Wahlen. Zudem musste der Organisationschef Witali Mutko jüngst wegen des Dopingskandals um die russische Sbornaja während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi zurücktreten. Vorwürfe wegen Korruption und „Sklavenarbeit“ auf den WM-Baustellen gab es ebenfalls.

Wegen der unzulänglichen Planung und fehlender Finanzierung mussten am Ende zwei große Infrastrukturprojekte, die für die WM geplant waren, gestrichen werden. Die Bahn-Highspeedstrecke von Moskau nach Kasan, ein Milliardenprojekt, an dem sich auch gern Siemens beteiligen würde, steckt immer noch in den Startlöchern. Eine neue Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg wird auch erst nach der Weltmeisterschaft fertig.

So sollten zumindest die Stadien zum Aushängeschild werden. Aber auch da gab es Ärger. Die träge WM-Vorbereitung versetzte auch die russische Führung selbst in Rage: Premier Dmitri Medwedew schlug bereits 2012 bei einem Stadionbesuch in Petersburg Alarm. Das Stadion, zu dem schon 2007 der Grundstein gelegt wurde, sei „nicht nur eine Langzeitbaustelle, das ganze sieht beschämend aus“, konstatierte er. Immerhin war das Stadion an der Newa – auch dank des Einsatzes von nordkoreanischen Billigarbeitern – zwar verspätet, aber rechtzeitig zum Confederations Cup im vergangenen Jahr fertig.

Bei anderen Stadien musste die Abgabefrist mehrfach nach hinten verlegt werden. Wegen dieser Verzögerungen will das Sportministerium nun von vier Baufirmen, die insgesamt sieben Stadien zu verantworten haben, Schadenersatz. Die größte Rechnung kommt demnach wohl ausgerechnet auf einen als Putin nah geltenden Oligarchen zu. Die Baufirma Stroitransgas, die die Stadien in Wolgograd und Nischni Nowgorod baut, soll rund eine Milliarde Rubel (14 Millionen Euro) zahlen. Stroitransgas gehört Gennadi Timtschenko.

Timtschenko, der wie Putin aus St. Petersburg stammt und als dessen Vertrauter auf westlichen Sanktionslisten steht, gilt als einer der mächtigsten Männer Russlands und einer der erfolgreichsten Bewerber um russische Staatsaufträge. Stroitransgas hat große Pipelineaufträge in der Putin-Ära gewonnen. Der von ihm inzwischen verkaufte Ölhändler Gunvor hatte lukrative Verträge unter anderem mit der staatlichen Rosneft.

Vertreter von Stroitransgas haben die Klage als unzulässig bezeichnet. Die Vorwürfe des Ministeriums seien bereits in anderen Instanzen als haltlos abgewiesen worden, erklärte ein Sprecher. Doch neben Timtschenko sind auch andere ins Visier der Behörden geraten: So trifft es den im Ural beheimateten Oligarchen Dmitri Pumpjanski, der vor allem im ebenfalls staatlich dominierten Eisenbahngeschäft sein Geld gemacht hat.

Er trödelte bei der Rekonstruktion des Zentralstadions von Jekaterinburg dem Ministerium allerdings zu lange. Außerdem betroffen ist der russisch-aserbaidschanischen Milliardär Aras Agalarow, der als mögliches Verbindungsglied zwischen dem Kreml und US-Präsident Donald Trump in die Schlagzeilen geriet. Agalarows Crocus Group ist bei den Stadien in Kalingrad und Rostow-am-Don ins Hintertreffen geraten.

Ebenfalls verklagt wurde die Baufirma „PSO Kasan“, die zur TAIF-Gruppe gehört. Die Gruppe, für die der Linde-Konzern in Tatarstan eine riesige Chemieanlage baut, wird vom Sohn des ehemaligen tatarischen Präsidenten Mintimer Schaimijew, Radik Schaimijew, kontrolliert. „PSO Kasan“ baut die Stadien in Saransk und Samara.

Nach Einschätzung von Experten ist die Abgabe der meisten Stadien vor der WM trotz der Verzögerungen nicht in Gefahr. „Das einzige Stadion, bei dem es derzeit noch ernsthaften Rückstand bei der Fertigstellung gibt, ist das Stadion in Samara“, erklärte Maxim Ukljudow, Kommerzdirektor der russischen Baufirma Bamard.

In dem Fall haben sich inzwischen die Sicherheitsorgane eingeschaltet. Immerhin soll dort die russische Sbornaja eins ihrer Vorrundenspiele austragen. Die DFB-Elf ist von den Problemen nicht betroffen: Die Stadien ihrer Vorrundenspiele in Moskau, Sotschi und Kasan sind bereits fertig.

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