Suche nach Managern
BWLer schieben Ex-Profis ins Abseits

Bundesliga-Vereine professionalisieren ihre Suche nach Managern. Bestes Beispiel ist der Fußball-Bundesligist Hertha BSC Berlin. Nach dem Abschied von Manager Dieter Hoeneß schaltet der Verein ein Beratungsunternehmen ein und testet wochenlang Kandidaten für seine Nachfolge. Warum Spezialisten in Führungsetagen immer angesagter werden.

DÜSSELDORF. Es ist eine Zeitenwende. Zwölf Jahre lang führt Dieter Hoeneß den Fußball-Klub Hertha BSC Berlin, er trifft intern die wichtigen Entscheidungen und verkörpert den Verein nach außen. Als Hoeneß Anfang Juni nach einigen Querelen seinen Abschied verkündet, steht der Klub vor dem Problem, den ersten Führungswechsel zu vollziehen, seitdem Hertha als Kapitalgesellschaft firmiert.

Das Präsidium entscheidet sich für einen in der Branche ungewöhnlichen Weg: Das Gremium schaltet das Beratungsunternehmen Röver Brönner ein, überprüft in einem sechswöchigen Verfahren die stark auf Hoeneß zugeschnittene Führungsstruktur und testet die Kandidaten für die Nachfolge. Die Aspiranten müssen in Fragebögen, Interviews und Präsentationen darlegen, wie sie sich die Zukunft des Klubs vorstellen - und warum sie dafür besonders geeignet sind. Das Ergebnis: Der Ex-Profi und studierte Sportökonom Michael Preetz verantwortet künftig die sportlichen Geschicke, der diplomierte Kaufmann Ingo Schiller Finanzen und Marketing.

Die Bundesliga-Vereine werden anspruchsvoller in der Auswahl ihres Führungspersonals. Ex-Spieler, die außer ihren sportlichen Verdiensten wenig für eine Führungsaufgabe qualifiziert, findet man heute kaum noch. Hier habe "eine klare Professionalisierung" eingesetzt, lobt Arnd Hovemann, Fußball-Experte der Unternehmensberatung Ernst & Young.

Lange besetzten die Klubs Posten im Management nach bewährtem Muster: Wenn sich kein verdienter Spieler aufdrängte, schauten sich die Verantwortlichen um, wer in anderen Vereinen gute Arbeit leistete und zu haben war. Oder sie fahndeten unter den Mitgliedern und in der Region nach Kräften, die aber bisweilen mehr emotionale Bindung zum Verein als Kompetenz mitbrachten.

Solche Zustände herrschen auch heute noch - aber sie werden immer seltener. So schaltete Werder Bremen die angesehene Personalberatung Egon Zehnder International ein, um die vakanten Posten in der Geschäftsführung neu zu besetzen. Die Wahl fiel auf Klaus Filbry, einen 42-jährigen Adidas-Manager, der ab dem nächstem Jahr die Geschäftsfelder Finanzen und Marketing verantworten wird. Der Werder-Aufsichtsrat zog Filbry drei internen Bewerbern vor, darunter auch der im Verein durchaus geschätzte Ex-Profi Marco Bode.

Ehemalige Berufskicker finden sich in den Führungsetagen fast nur noch, wenn sie sich per Management-Studium weitergebildet haben - und dann meist in der sportlichen Leitung der Klubs. Für Manager, die in erster Linie mit der Zusammenstellung der Mannschaft und dem Aushandeln der Verträge beschäftigt sind, sei die Auswahl qualifizierter Ex-Profis durchaus sinnvoll, sagt Hovemann. Sie haben das nötige Wissen, um die Qualität eines Spielers einschätzen zu können, und die nötigen Kontakte in der Branche.

Bei den kaufmännischen Positionen sieht es anders aus. Hier ist Fachwissen über Marketing oder Buchhaltung gefragt - und nicht darüber, welche hoffnungsvollen Talente etwa in der zweiten belgischen Liga gegen den Ball treten. Denn die Klubs haben sich zu mittelständischen Unternehmen gewandelt. Bayern München etwa kommt auf einen Umsatz von mehr als 280 Mio. Euro, kleine Vereine wie der VfL Bochum erwirtschaften rund 40 Mio.

Zudem firmieren die Hälfte der Klubs in den beiden Bundesligen inzwischen als Kapitalgesellschaften, die Jahresabschlüsse aufstellen und Publizitätspflichten erfüllen müssen. Das alles lässt sich ohne entsprechend ausgebildete Leute im Management kaum noch bewerkstelligen.

Auf der anderen Seite ist ein Fußball-Verein keine Schraubenfabrik - ohne Herzblut geht es nicht. "Ein geeigneter Manager muss die richtige Mischung aus kaufmännischem Fachwissen und emotionaler Bindung zum Fußball und jeweiligen Verein mitbringen", sagt Philipp Fleischmann, Berater bei Egon Zehnder International. Ansonsten werde dieser von den Fans und den Mitgliedern nicht akzeptiert. Damit sei die Suche nach geeigneten Kräften ein Stück weit komplexer als bei normalen Unternehmen, sagt der Personalberater.

Bei den Bundesliga-Vereinen hat sich inzwischen eine Riege ausgewiesener Fachleute etabliert. Der studierte Sportökonom Martin Bader etwa hat aus dem lange als Chaos-Klub verrufenen 1. FC Nürnberg ein solide wirtschaftendes Unternehmen geformt. In Dortmund half Thomas Treß erst dem Verein als Unternehmensberater bei der Sanierung und wechselte anschließend auf den Posten des Finanzchefs.

Die Professionalisierung geht einher mit dem Abschied der Patriarchen, die praktisch alle wichtigen Entscheidungen treffen. Nicht nur der Abgang von Dieter Hoeneß steht sinnbildlich dafür: "Kein Verein ist mehr von einer einzelnen Person abhängig", sagte Nürnbergs langjähriger Präsident und Alleinherrscher Michael Roth, als er im Juni seinen nicht ganz freiwilligen Abschied verkündete. "Das sind alles kleinere oder größere Unternehmen, die von Top-Fachleuten im Management, der Geschäftsführung, im Ticketing, Marketing und Merchandising leben."

Zweite Reihe

Anspruchsvolle Chefs

In den Führungsetagen der Profi-Klubs nehmen immer mehr Spezialisten Platz - aber nicht nur dort. Auch die zweite Reihe besetzen die Vereine zunehmend mit Fachleuten für Marketing, Merchandising oder Controlling, die sich ihre Sporen nicht als Fußballspieler verdient haben. So sind eine Reihe von Vermarktungsexperten aus Marketingagenturen in die Bundesliga gewechselt.

Fachmann holt Fachmann

Die Professionalisierung im Mittelbau und in der Geschäftsführung der Vereine hängen direkt zusammen: Wer als Fachmann in die Klubspitze einzieht, holt sich eben gerne kompetente Mitarbeiter ins Haus.

Eigene Hausmacht

Die externe Rekrutierung hat einen weiteren Vorteil: Da ihre Mitarbeiter nicht den vereinsinternen Seilschaften entstammen, können sich die Chefs eine eigene Hausmacht aufbauen. Zumindest darin unterscheiden sich die Fußball-Unternehmen kaum noch von Firmen in anderen Branchen.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%