Triumphe, Rekorde und Dramen
Die schwere Geburt des liebsten Kindes

Die Geschichte von Fritz Becker ist schon oft erzählt worden und nicht immer richtig. Man muss sie aber immer wieder erzählen, denn eine bessere gibt es nicht, um die so amüsanten Umstände der Geburtsstunde des liebsten Kindes der Deutschen zu verdeutlichen. Die Rede ist von der Fußball-Nationalmannschaft.

BERLIN. Am Samstag vor 100 Jahren, am 5. April 1908, kam es auf die Welt und bekam zunächst einmal ein paar Schläge – in Basel verlor die DFB-Auswahl gegen die Schweiz mit 3:5. Kein Wunder bei der Vorbereitung, so der Tenor vieler Nachbetrachtungen. Acht Jahre nach der Verbandsgründung gab es noch keinen Trainer, also auch kein gemeinsames Training. Die Spieler reisten zwar zum Großteil im gleichen Zug an, aber doch getrennt – weil sie sich nicht kannten. Einige zudem inkognito, weil sie berufliche Konsequenzen befürchtet hätten, da es dem Spiel noch gehörig an gesellschaftlicher Akzeptanz haperte. Fritz Beckers Schuldirektor etwa empfahl seinem Schützling: „Schlagen sie sich diese englische Erfindung aus dem Kopf, aus dem perfiden Albion ist noch nie etwas Gutes gekommen.“

Entsprechend schwer hatten es die Pioniere in kurzen Hosen. Die Anreise erfolgte auf eigene Kosten, und Oberprimaner Fritz Becker sprang quasi erst im letzten Moment auf den Zug. Der Stürmer von Kickers Frankfurt, dem Vorläufer der Eintracht, ließ die Nachwelt 60 Jahre danach im DFB-Jahrbuch wissen, dass er von seiner Nominierung aus der Zeitung erfahren habe. Erst zwei Tage vor dem Spiel sei offiziell Post vom DFB gekommen, die sich auf die Kleidervorschriften beim Bankett (dunkler Anzug oder Smoking) beschränkt habe.

Am Tag darauf habe er dann den Stellungsbefehl erhalten: Er solle sich am Bahnsteig einfinden, wenn der Zug aus Berlin einfahre. Das Ticket händigte dem ungeduldig Wartenden angeblich ein schwitzend herumirrenden Funktionär mit den Worten „Sind Sie das Becker'sche aus Frankfurt?“ aus, als der Schaffner schon „Einsteigen und Türen schließen“ rief. Zum Glück schaffte er es noch ins Abteil – er sollte der erste deutsche Torschütze werden.

Thomas Schneider (38) kann das alles nicht mehr hören. Der Kurator der heute in Frankfurt eröffnenden DFB-Wanderausstellung „Die ersten Elf“ warnt davor, alles auf die Goldwaage zu legen, was das Fußball-Jahrhundert so überdauert hat. „Fritz Becker war in Frankfurt als Geschichtenerzähler bekannt, und seine Anekdoten sind als authentische Quelle zu bezweifeln“, sagt der Berliner, der mit seinem Kollegen Daniel Küchenmeister rund 70 Archive durchforstete auf der Suche nach der Wahrheit über die erste Elf mit dem Adler auf der Brust. Dass sich das lohnen kann, erfuhren sie im Sommer 2006 mit einem Anruf beim Basler Sportmuseum.

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