Turnierfavorit kann nicht überzeugen
Ronaldo ballert Brasilien ins Viertelfinale

Trotz aller Kritik in den letzten Wochen hat Superstar Ronaldo seine "Selecao" wiedermal eine Runde weiter geschossen. Im Achtelfinalspiel gegen Ghana konnte Brasilien erneut nicht überzeugen, darf sich aber Dank seines WM-Rekordhalters auf das Viertelfinale freuen.

DORTMUND. Spätestens seit die Brasilianer das erste Mal die Fußballschuhe für ihre Nationalelf geschnürt haben, ist ihnen die Favoritenrolle in Fleisch und Blut übergegangen. Denn die Selecao ist in fast jedem Fußballspiel der Favorit. Den Pulsschlag der Spieler dürfte der Siegesdruck kaum noch erhöhen. Dem Achtelfinalspiel gestern in Dortmund gegen Ghana sahen die Brasilianer denn auch ziemlich gelassen entgegen.

Den Spielern des afrikanischen WM-Neulings erging es da ein wenig anders. Für viele der so genannten Black Stars war die Partie gegen Brasilien das größte Erlebnis ihrer bisherigen Fußballerkarriere, das Erreichen des WM-Achtelfinals der größte Erfolg. "Als Spieler kann man sich einfach nur mächtig freuen, gegen Brasilien zu spielen", gestand Stephen Appiah von Fenerbahce Istanbul, durchaus ein international erfahrener Mittelfeldmann.

Auf dem Papier waren die Rollen der Gemütslage entsprechend klar verteilt: Hier der fünffache Weltmeister, dort der WM-Neuling. In dem bisher einzigen (Freundschafts-) Spiel der beiden hatten die Brasilianer zudem die Black Stars mit 8:2 geschlagen. Eine klare Angelegenheit? Nicht, wenn man die viel häufigeren Spiele der Jugendauswahlmannschaften beider Länder berücksichtigte. Denn in diesen hat Ghana von sechs Partien drei gewonnen. Und viele Spieler beider Mannschaften sind in den Begegnungen in jungen Jahren schon einmal gegeneinander angetreten.

So war Ratomir Dujkovic vor der Partie sehr optimistisch: "Ich glaube wir können Brasilien trotz der vielen Stars schlagen. Ich finde diese Mannschaft nicht so gut wie früher", sagte der Trainer von Ghana. Doch es kam mal wieder anders. Nach nur fünf Minuten war die Elf von Trainer Carlos Alberto Parreira ihrer Favoritenrolle das erste Mal gerecht geworden, hatte Ronaldo das 1:0 geschossen und sich damit den alleinigen WM-Torschützenrekord gesichert. 15 Treffer hat er nun schon bei Weltmeisterschaften erzielt - eines mehr als seiner Zeit Gerd Müller.

Und Ronaldos Treffer war ein würdiges Rekordtor. Kaká (AC Milan) bediente den Stürmer von Real Madrid mit einem herrlichen Pass- die Black Stars hatten - wie so oft im Spiel - auf Abseits gesetzt, doch nicht mit Ronaldo gerechnet, der aus dem Mittelfeld gelaufen kam. Ronaldo tänzelte Torwart Richard Kingson (Ankaraspor) mit zwei Übersteigern aus und schob ins leere Tor ein. Es stand 1:0 für Brasilien. Ein toller, ein brasilianischer Treffer vor 65000 Zuschauern im ausverkauften Dortmunder WM-Stadion.

Nach der Führung zog sich die Selecao jedoch - wie schon in den Spielen gegen Kroatien und Australien - zum Unmut der Zuschauer sehr weit zurück und spekulierte den Rest der ersten Hälfte auf Konter. Ghana hingegen, die nach wenigen Minuten das Gegentor schon weggesteckt hatten, zeigten, warum sie als die Brasilianer Afrikas gelten. Anders als viele andere Mannschaften bei dieser WM, die fast alle ihre Angriffe mit langen Bällen einleiten, kombinierten die Black Stars geduldig in Richtung brasilianisches Tor.

Und das brachte ihnen mehr als eine gute Tormöglichkeit ein: Schuss von Haminu Draman (spielt in Serbien) - Dida lenkte den Ball über die Latte (19.); herrliches Anspiel auf Matthew Amoah (Borussia Dortmund) - dessen Schuss ging aus 15 Metern knapp vorbei (23.). Ghana war dem Ausgleich nahe. In der 41. Minute hätte er eigentlich fallen müssen. Nach einer Ecke köpfte John Mensah (Rennes) aus fünf Metern Dida genau auf den Fuß.

Viele Chancen kläglich vergeben, kein Tor, die Strafe folgte auf dem Fuß; die Brasilianer nutzten einen Konter zum 2:0: Pass auf Kaká, der auf Cafú weiterleitete. Dessen Querpass brauchte Adriano nur noch ins Tor zu drücken (45.+1). Eine schöne Kombination, ein feines Tor, wenn es denn ein regelgerechtes gewesen wäre - Adriano stand im Abseits, von Schiedsrichter Lubos Michel aus der Slowakei nicht erkannt.

Adriano - nach einer mit gelb bedachten Schwalbe im Strafraum Ghanas (13.) ohnehin nicht der Zuschauer-Liebling - erntete trotzdem Pfiffe, genau wie die gesamte Selecao zur Pause. Sie führte favoritengerecht 2:0, aber sie tat in den Augen der Zuschauer zu wenig, die Sympathien lagen bei den wacker kämpfenden Black Stars.

Das änderte sich auch nach der Pause kaum. Ghana bemühte sich und das sah bis zum Strafraum sehr anständig aus. Einzig: Sie hatten keinen Erfolg. Die größte Chance hatte Asamoah Gyan in der 69. Mi-nute, doch dessen Schuss parierte Dida im Nachfassen. Die Brasilianer wiederum machten nun wenigstens hin und wieder Tempo und Druck. Doch ihnen gelang lange Zeit erstaunlich wenig. Bis zur 85. Minute. Da setzte Zé Roberto den Schlusspunkt zum 3:0. Nach Zuspiel des eingewechselten Ricardinho (Corinthians in Brasilien) stand er alleine vor Kingson, überlupfte den Torwart und schob ein. In der 90. Minute hätte Cafú beinahe gar noch auf 4:0 erhöht, doch er schoss Torwart Kingson an. Das gleiche gelang Juan in der 93. Minute noch einmal. Am Ende ein favoritengerechter und durchaus verdienter Sieg der Brasilianer. Aber mal wieder mit geringem Einsatz herausgespielt.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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