TV-Kritik „Maybrit Illner“: „Ein Eisbrecher im Eismeer der Homophobie“

TV-Kritik „Maybrit Illner“
„Ein Eisbrecher im Eismeer der Homophobie“

Maybrit Illner kann sich rühmen, als erste Talkerin das von Thomas Hitzlsperger gesetzte Thema „Homosexualität im Fußball“ behandelt zu haben. Doch der Schnellschuss war keine gute Idee. Nur einmal wurde es hitzig.

BerlinThomas Hitzlsperger rockt die Agenda nach allen Regeln des Medienbetriebs: Kaum ein Medium, dass das spektakuläre erste Outing eines Fußball-Nationalspielers in der „Zeit“ nicht ausführlich zum Topthema gemacht hat. Auch Maybrit Illner kippte am Donnerstagabend ihr eigentlich geplantes Talkshow-Thema „Armut auf Wanderschaft – wie viel Freizügigkeit können wir uns leisten?“, um stattdessen über Homosexualität und Toleranz in Sport und Gesellschaft zu diskutieren.

Keine gute Idee, zeigte sich schon am Anfang. Denn die Homophoben, die in Thomas Hitzlsperger nun „einen Gegner mehr“ hätten, wie der Ex-Profi in der Videobotschaft auf seinem Internetauftritt betont, waren, erwartungsgemäß, nicht zu sehen. Bei Illner im Studio saßen fünf Männer mit nur leicht unterschiedlichen Ansichten, die Hitzlspergers Schritt so lobten wie alle, die sich bereits öffentlich dazu geäußert haben. Sie alle halten auch Homophobie für „ein Thema im Sport und nicht nur im Sport“ (Marcus Urban), für „kein Problem des Fußballs, sondern der Gesellschaft“ (Michael Vesper). Bloß in Illners Studio war sie nicht vertreten, die Homophobie.

Marcus Urban, der seine Karriere als Fußballprofi 2007 in einem frühen Stadium aufgab, um offen schwul leben zu können, meinte, die sexuelle Orientierung sei eine „Intimangelegenheit, aber keine Privatsache“. Daher müsse darüber geredet werden. Der ehemalige WDR-Radioreporter Manni Breuckmann nannte Hitzlspergers Schritt „eine begrüßenswerte Aktion“, die aber nicht viel bringe, weil „es den harten Kern nicht beeinflusst“.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich 2001 geoutet hat, berichtet aus seinem umfangreichen Erfahrungsschatz. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, schöpfte das schöne Bild, dass Thomas Hitzlsperger „so was wie ein Eisbrecher“ sei, „der durch das Eismeer der Homophobie fährt“, wodurch dieses zwar noch nicht schmelze, aber doch einen Beitrag zur Überwindung leiste. Vesper verglich den Kampf gegen den Rassismus damit, der auch nicht beendet sei, doch: „Heute ist es gelernt, dass unsere Nationalmannschaft bunt ist“.

Willi Lemke, Funktionärs-Urgestein des Bundesligavereins Werder Bremen, schließlich fand „die spannendere Frage“, wann der erste aktive Bundesliga-Spieler sich outen werde, und prophezeite diesem, dass er es „sehr sehr schwer haben“ werde.

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