Vor Champions-League-Spiel gegen Lissabon
FC Bayern entdeckt die kreative Unordnung

MÜNCHEN. Der Abend war eigentlich dazu bestimmt, ausgelassenen zu feiern. Ein Feinverköstiger hatte großzügig aufgetischt, Erfrischungsgetränke sämtlicher Alkoholgehalte standen in ausreichendem Maße zur Verfügung, und auf einer der lang gestreckten Tafeln funkelte eine goldene Trophäe. Es war der DFB-Pokal, die Bayern hatten ihn soeben gewonnen.

Die Münchener wollten den vierten Titel unter ihrem Trainer Felix Magath feiern, der erst knapp zwei Jahre zuvor sein Amt angetreten hatte. Gemessen an herkömmlichen Maßstäben war seine Arbeit also sehr erfolgreich. In Wahrheit war sie sogar erfolgreicher als die all seiner Vorgänger: zweimal Meister und zweimal Pokalsieger, mehr ging nicht national. Den aktuellen Saisonstart eingerechnet gewannen die Münchner unter Magath genau zwei Drittel ihrer Bundesligaspiele, auf eine solche Quote hatten es nicht einmal die Maier-Beckenbauer-Müller-Bayern gebracht, einst, in den glorreichen Siebzigern.

Und doch waren sie nicht zufrieden an jenem Abend Anfang April, es fehlte etwas.

Nur vordergründig waren das Erfolge auf internationalem Terrain. Zwar war es so, dass sich die Bayern nach eigenem Empfinden jeweils zu früh aus der Champions League verabschiedet hatten, in der es heute bei Sporting Lissabon um die Verteidigung der Tabellenführung geht (20:45 Uhr, Premiere). Doch gegen die ungleich finanzstärkeren Klubs Chelsea London und AC Mailand war das Ausscheiden an sich keine Schande. Was bei diesen Niederlagen mehr beunruhigte, war das, was auch mancher Sieg in der Bundesliga nicht kaschieren konnte: Es fehlte eine klare Strategie, eine bayerische Idee vom Fußball unter Magath.

Bis zum vergangenen Wochenende hatte das Münchner Spiel meist wenig Systematisches, im Gegensatz zu den großen Klubs des Kontinents – und auch zu manchem Bundesligisten. Während der FC Barcelona den Ball in phänomenalem Tempo nach vorne zirkulierte, Arsenal London sein künstlerisch wertvolles Vertikalspiel zur Vollendung brachte und Werder Bremen immerhin seinen dynamischen Aktivfußball konservierte, hatte das Spiel des FC Bayern wenig Wiedererkennungswert. Die Erfolge beruhten häufig auf genialen Momenten von Spielern wie Zé Roberto, lange Zeit zudem auf der Treffsicherheit Roy Makaays und Michael Ballacks, wobei letzterer in seiner heimlichen Stürmerrolle meist nicht für den Spielaufbau zur Verfügung stand. Auf nationaler Ebene reichte das, auf internationaler nicht.

Vergangenen Samstag nun, beim 4:2-Sieg gegen Hertha BSC Berlin, war etwas Neuartiges zu beobachten: Magath hatte zum wiederholten Mal in dieser Saison einen Drei-Mann-Sturm aufs Feld geschickt, jedoch erstmals in der Besetzung Podolski, Pizarro und Makaay. Und erstmals schien es so, als wisse jeder Spieler genau, was er zu tun hat; die Mannschaftsteile griffen harmonisch ineinander. Vor der Viererkette, deren Schwächephase Mitte der zweiten Halbzeit einziger Kritikpunkt blieb, übernahm der junge Andreas Ottl den defensiven Part im Mittelfeld, Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger konstruierten die Angriffe, unterstützt von einem der drei Stürmer, die wiederum in einer Frequenz ihre Positionen wechselten und über das Feld rochierten, dass schon das Zuschauen kreislaufbelebend wirkte.

Welchen Anteil der Trainer daran hatte, blieb indes rätselhaft. Lukas Podolski hatte kürzlich schon ungewohnt spitz angemerkt, man habe im Training bislang kaum das Zusammenspiel im Angriff geprobt, und auch Vier-Augen-Gespräche mit dem Trainer habe es wenige gegeben. Das einzige, was Magath seinem Sturmtrio nun vor dem Hertha-Spiel mit auf den Weg gegeben habe, berichtete Roy Makaay, sei die beinahe beckenbauerhaft legere Aufforderung „Lasst Euch was einfallen!“ gewesen (auf bayrisch: „Geht's naus, spuit's Fußboll“).

Die Münchner Presse feierte die effiziente Unordnung als stilbildendes Element, zumal Magath gleich nach dem Sieg andeutete, dass jene Taktik für ihn keinen experimentellen, sondern seriellen Charakter habe. „Das hat so gut ausgesehen, dass wir das auf jeden Fall wiederholen werden“, kündigte Magath an.

Den Zuschauern, Fans und der Mannschaft selbst täte es gut, wenn Magath sich schon heute Abend in Lissabon an diesen Worten orientiert. Doch der Trainer lässt sich wie üblich nicht in die Karten schauen. Und womöglich zückt er statt der Karte mit der kreativen Unordnung lieber die mit der üblichen internationalen Taktik, die auch van Bommel bevorzugt: „In Europa musst du so spielen, wie wir es in Mailand gemacht haben“, sagte er – mit stabilisiertem Mittelfeld und nur zwei Angreifern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%