Furcht vor der Zukunft

Selbst Borussia Dortmund kann international kaum noch mit der Spitzengruppe mithalten.

(Foto: dpa)

Weniger Stars, weniger Talente Ein Hauch von Zukunftsangst im deutschen Fußball

Die Talente im Blick und England im Hinterkopf: Im deutschen Fußball wäre ein Strukturwandel vonnöten. Doch die Vereine haben für die Weitsicht eines Oliver Bierhoff keinen Nerv. Die Debatte auf dem Sportkongress Spobis.
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DüsseldorfOusman Dembélé, Naby Keïta, Kevin De Bruyne – und nun Pierre-Emerick Aubameyang. Die vier teuersten Transfers der bisherigen Bundesliga-Historie sind allesamt Verkäufe der besten Spieler eines Teams an einen ausländischen Konkurrenzklub. Einzig Dembélé landete in Spanien beim FC Barcelona, für die drei anderen ging die Reise in die Premier League nach England.

„Die Stars sind dort, wo das Geld ist“, merkte Bayern-Präsident Uli Hoeneß in einem Nebensatz auf Europas größtem Sport-Kongress Spobis in Düsseldorf an. Mehr Stars für eine attraktivere Liga, die mehr Umsatz erzeugt, mehr Strahlkraft entwickelt, mehr Stars anzieht – die Maschinerie hinter dem wirtschaftlichen Aufschwung der englischen Liga gibt den direkten Konkurrenten allen Grund zur Sorge.

Schon jetzt ist die Bundesliga mit deutlichem Abstand hinter der Premier League Europas Nummer zwei. Erst in den 2000er-Jahren konnten sich die deutschen Profimannschaften wirtschaftlich und sportlich wieder den enteilten Wettbewerbern aus England, Spanien und Italien annähern. Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, aber auch Werder Bremen, Schalke 04 und der Hamburger SV feierten internationale Achtungserfolge.

Au revoir, Auba – willkommen, neue Gesichter
FC Bayern München
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Sandro Wagner kam für 13 Millionen Euro als Lewandowski-Backup. Von Winter-Transfers hält Trainer Jupp Heynckes grundsätzlich nicht so viel, aber in diesem Fall passte die Verpflichtung gut ins Konzept. Und getroffen hat Wagner zuletzt auch schon.

Bayer Leverkusen
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Der Tabellenzweite kommt, erfolgsentsprechend, völlig ohne Neuzugänge aus. Auch die Leistungsträger blieben alle an Bord. Lediglich André Ramalho (Red Bull Salzburg/0,8 Millionen Euro) und der ohnehin feilgebotene Admir Mehmedi (VfL Wolfsburg/8,0 Millionen Euro) verließen die Werkself.

Schalke 04
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Juventus-Leihgabe Marko Pjaca scheint eine Verstärkung, der Kroate erzielte schon ein Tor. Die Leihe von Abdul Rahman Baba wurde vom FC Chelsea wurde verlängert. Vom 1. FC Nürnberg wurde Cedric Teuchert für 1,5 Millionen Euro geholt, Leihspieler Bernhard Tekpetey kommt vom SCR Altach zurück. Die drei Abgänge des Winters gehen allesamt auf Leihbasis: Coke zum UD Levante, Donis Avdijaj zu Roda Kerkrade und Fabian Reese zu Greuther Fürth.

Eintracht Frankfurt
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Mit Marijan Cavar (Bild links) wurde ein Perspektivspieler geholt, es blieb der einzige Zugang. Sonst ging es nur darum, den Kader zu verkleinern. Andersson Ordonez (LDU Quito/ausgeliehen), Slobodan Medojevic (SV Darmstadt 98) und Max Besuschkow (Holstein Kiel/verliehen) wurden abgegeben.

RB Leipzig
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Zwei gestandene Spieler (der eine mehr, der andere weniger) gingen, einige Talente kamen. Marvin Compper wechselte für eine Million Euro zu Celtic Glasgow, Frederico Palacios ging zum 1. FC Nürnberg. Der 16 Jahre alte dänische Junioren-Nationalspielers Mads Bidstrup wechselt vom FC Kopenhagen zum Bundesligisten. Er ist Mittelfeldspieler. Zudem wurde U19-Spieler Niclas Stierlin mit einem Profi-Vertrag ausgestattet. Der 18-Jährige spielt im defensiven Mittelfeld. Spät am 31. Januar wurde auch noch Ademola Lookman (20) vom FC Everton ausgeliehen.

Borussia Dortmund
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Jetzt ist er weg: Pierre-Emerick Aubameyang wechselte am letzten Tag der Transferperiode für 63,75 Millionen Euro Ablöse zum FC Arsenal nach London. Auch Marc Bartra zog es weg, für 10,5 Millionen Euro ging es zu Betis Sevilla. Jacoob Bruun Larsen wurde an den VfB Stuttgart verliehen, Neven Subotic an den AS St. Etienne. Die Erlöse wurden nicht vollständig reinvestiert, es kamen Manuel Akanji für 20 Millionen Euro vom FC Basel und Sergio Gomez für drei Millionen Euro vom FC Barcelona. Dazu wurde am Deadline Day noch Michy Batshuayi als Aubameyang-Ersatz vom FC Chelsea ausgeliehen.

Borussia Mönchengladbach
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Einziger Zugang ist Reece Oxford, der nach seiner Rückkehr zu West Ham United erneut ausgeliehen wird. Einziger Abgang ist Kwame Yeboah, der an den SC Paderborn verliehen wird.

Der Höhepunkt: das deutsch-deutsche Champions-League-Finale zwischen München und Dortmund 2013. Doch statt eines goldenen Zeitalters erlebte die Bundesliga seither fortwährende Dämpfer. Denn die Regeln im Fußballgeschäft haben sich geändert. Und so fanden sich auf dem Spobis einige der Größen des deutschen Fußballs ein, um die Zukunftsaussichten der einst als spannendste Spitzenliga Europas gerühmte Bundesliga zu diskutieren.

Noch bevor sich in einer Diskussionsrunde die Spitzenmanager Oliver Mintzlaff von RB Leipzig, Heribert Bruchhagen vom Hamburger SV und Max Eberl von Borussia Mönchengladbach austauschen konnten, trat Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Nationalmannschaft, als Mahner auf. Sein Thema: was getan werden muss, um aus Talenten Weltmeister zu machen. Sein Einstieg: Systemfehler.

Vielfach kollidiere Talent mit Erwartungen. Eine Erfahrung, die die Nationalmannschaft auch auf dem Weg zum WM-Titel gemacht hat. „Es wurden Spieler in ein Korsett gepresst“, so Bierhoff. Etwas verklausuliert formulierte er dabei, dass es dem deutschen Fußball an Straßenfußballern mangele: „Die Kinder werden zum Training gefahren und bekommen durchweg gesagt, was sie zu tun haben.“

Die durchorganisierte Ausbildung müsse sicherlich nicht auf den Kopf gestellt werden. Doch, so merkt der Manager an, die Deutschen wären in den vergangenen Jahren sehr systemverliebt gewesen: „Wir haben etwas verpasst, Individualtechnik wieder einzubringen.“ Auch, wenn die Systemtreue bisher überaus erfolgreich war.

Genau darum bangt Bierhoff, Confed-Cup-Erfolg hin oder her. Seine These lautet, dass Nationen wie Frankreich und England auf Verbandsebene die Strukturen und Professionalität des DFB kopieren und umsetzen. Noch habe Deutschland im Fußball einen Entwicklungsvorsprung. Aber: „Früher hatten wir in jedem Jahrgang fünf oder sechs Ausnahmespieler, heute sind es zwei bis drei“, so der ehemalige Weltklassestürmer.

Bierhoff findet, es werde zu einseitig ausgebildet, seine Kritik arbeitete er auch an konkreten Beispielen ab. So mangele es an herausragenden Außenverteidigern, da ballsichere, kampf- und laufstarke Spieler auf die zentralen Positionen gestellt würden. Damit ist dann die Mitte dicht, die Varianz über das Flügelspiel nimmt in der Folge jedoch ab. Bierhoff sprach nicht von einem abrupten Einbruch. Aber er zeichnete eine fallende Kurve. Was er jedoch auch sieht: Die Ausbildung liegt bei den Vereinen, die Nationalmannschaft könne mit den Trainingslagern um Länderspiele herum nur den Feinschliff leisten.

Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit, denn der DFB hat in den vergangenen Jahren sehr darauf hingearbeitet, dass die Profiklubs in ihren Akademien systemkompatible Spieler ausbilden. Besonders stolz war man auf den stufenlosen taktischen Übergang von den Jugendmannschaften ins A-Team.

Der Sportdirektor des DFB hat ein Problem mit dem komplett durchorganisierten System im deutschen Fußball. Quelle: dpa
Oliver Bierhoff

Der Sportdirektor des DFB hat ein Problem mit dem komplett durchorganisierten System im deutschen Fußball.

(Foto: dpa)

Bierhoff bietet den Klubs nun strukturelle Hilfe bei der Kurskorrektur. Das bezieht er auf Trainerausbildung wie die grundsätzliche Fortbildung, aber auch auf Digitalisierung und Trendforschung. Dienstleister wolle man für die Bundesligisten sein, sie auch bei der Datenerhebung und -analyse unterstützen. Exkursionen ins Silicon Valley? Warum nicht.

Bierhoffs grundsätzlicher Skepsis mochten sich die Bundesliga-Vertreter beim Spobis nicht wirklich anschließen. Die Sorgen um die Zukunftsfähigkeit der eigenen Liga äußerten sie eher unterschwellig. „Wir müssen sehr behutsam mit dem Markenkern der Bundesliga umgehen“, sagte etwa der HSV-Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen. Ein Balanceakt sei es, sich wirtschaftlich zu stärken, ohne das zu vergessen, was den Fußball ausmacht.

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