Wie Flüchtlinge Deutschland erleben
„Ich will nicht zuschauen – ich will mitmachen“

Ahmad Samir Sediqi floh mit seiner Familie 2013 aus Afghanistan nach Deutschland. Der 21-Jährige beschreibt, wie ihm der Sport bei der Integration hilft – und warum es ihm wichtig ist, sich im Verein zu engagieren.

Es ist viel los auf dem Sportplatz in Mainz-Bretzenheim an diesem sonnigen Nachmittag Mitte September: Die Mädchenmannschaft wartet auf ihren Trainer, ein paar Männer wollen noch zusammen kicken, im Tor sitzen Jungs aus dem Nachwuchsteam und lachen. Ahmad Samir Sediqi, 21, läuft über den Platz, grüßt hier einen bekannten ‧Spieler, klopft da einem der Trainer auf die Schulter. Er, der Flüchtling aus Afghanistan, ist hier einer von ihnen. Er gehört dazu. Gerade hat er selbst noch trainiert. Mit einer neuen Mannschaft, bestehend aus Flüchtlingen und Deutschen, gefördert von „Willkommen im Fußball“. Das neue Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung knüpft lokale Bündnisse für junge Flüchtlinge und wird von der Bundesliga-Stiftung und der Bundesregierung gefördert. Nach einer Verschnaufpause setzt er sich in die Kabine und erzählt – von der Bedeutung des Sports in seinem neuen Leben.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

„Wenn ich Fußball spiele, dann kann ich alles andere für eine Zeit lang vergessen. Ich lache, habe Spaß, bin dankbar für die Abwechslung. Fast jeden Nachmittag bin ich mittlerweile auf dem Platz, trainiere mit meiner Hobbymannschaft, wir heißen FC Ente Bagdad, zusätzlich spiele ich für den Verein Vitesse Mayence. Mein Trainer sagt immer, ich muss aufpassen, dass ich sonntags, wenn wichtige Spiele anstehen, nicht schon zu müde bin vom Training der ganzen Woche.
Aber mir macht es so viel Spaß, hier auf dem Feld zu stehen. Schon in meiner Heimat Afghanistan habe ich viel Sport gemacht, ein paar Jahre lang Fußball gespielt, vor unserer Flucht dann Volleyball. Jeden Tag. Ich finde, Sport ist wichtig, um gesund zu bleiben. Und ich kann dabei viel lernen, vor allem hier. Mein Deutsch ist mittlerweile ganz gut. Ich besuche schon lange Deutschkurse, aber noch mehr gelernt habe ich auf dem Sportplatz.
Ich bin bereits seit Dezember 2013 in Deutschland, zuerst für eine kurze Zeit in Mainz, weil hier mein Onkel seit mehr als 20 Jahren lebt. Dann mussten wir in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Trier, sind aber bald schon wieder nach Mainz zurück.

Ich bin mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern geflüchtet. Unser Leben in Afghanistan war in Gefahr. Mein Vater hat früher, zu Zeiten der sowjetischen Intervention, beim Militär gearbeitet, zuletzt als Taxifahrer. Dann war er in seiner eigenen Heimat nicht mehr erwünscht. Wir sind zu Fuß, manchmal auch mit dem Auto, über Pakistan, Iran, Türkei, Bulgarien, Mazedonien, Serbien und Ungarn geflohen. In Ungarn war es damals noch einfach, im Gegensatz zu heute. Wir sind einfach mit dem Auto über die Grenze. Mehr als vier Monate lang waren wir unterwegs.“

Ahmad Samir Sediqi spricht sehr gut Deutsch. Er redet langsam – und leise, wenn es um die Flucht geht. Dann dreht er den Kopf zur Seite, guckt nach unten. Die Zeit war hart für ihn, das klingt in jedem Wort, in jeder Geste mit. Und, wie groß die Angst vor der ungewissen Zukunft ist.

„Mit den Schleppern, wie ihr Deutschen sie nennt, haben wir Glück gehabt. Sie waren freundlich und haben uns geholfen. Schlechte Erfahrungen haben wir mit ihnen nicht gemacht. Ungefähr 4500 Euro pro Person haben wir insgesamt an sie gezahlt. Unsere Familie besteht aus acht Personen, da kommt eine große Summe zusammen. Doch Freunde erzählen mir, dass die Flucht heute viel teurer ist als noch vor zwei Jahren, bis zu 8000 Euro pro Person sollen sie zahlen.

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„Ich will nicht zuschauen – ich will mitmachen“

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„Irgendwann möchte ich zurück“

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