Willi Lemke im Interview
„Im Profi-Fußball ist auch Gier im Spiel“

Sport soll sauber sein. Doch egal ob Internationales Olympisches Komitee, Weltfußballverband Fifa oder Formel 1: Immer wieder ist Bestechung im Spiel, wenn es zum Beispiel um die Vergabe von Fernsehrechten oder die Entscheidung über Austragungsorte geht. Willi Lemke, Aufsichtsratschef bei Werder Bremen und Uno-Sonderberater für Sport, über Wege der Korruptionsbekämpfung, die Rolle der Sponsoren - und Fifa-Chef Joseph Blatter.
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Handelsblatt: Herr Lemke, man wundert sich: Der Sport sollte eine saubere Sache sein. Nun bekommt man den Eindruck, dass er durchsetzt ist von Korruption auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Teilen Sie das Gefühl?

Willi Lemke: Den Eindruck kann man in einigen Bereichen durchaus haben. Wenn man die vielen Dinge addiert, die manchmal zu Entscheidungen führen, kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Ein Beispiel?

Im Bereich des europäischen Fußballs hatte man im letzten Jahr etwa 400 Millionen Euro Jahresumsatz mit Spielervermittlern. Das ist eine gewaltige Summe Geld, und die bringt Menschen in Versuchung. In der Wirtschaft ist es übrigens ähnlich. Fußball spiegelt nur das Leben und die Wirklichkeit unserer Gesellschaft wieder.

Ist das System überhitzt?

Die Begeisterung bei der Europameisterschaft war ein Beispiel dafür, wie unglaublich das Interesse am Fußball ist. Damit ist verbunden: Hohe Nachfrage, ständig steigender Umsatz, hohe Profite. Es ist wahr, dass im System Profi-Fußball sehr viel Geld vorhanden ist. Damit ist auch unheimlich viel Begehrlichkeit, manchmal auch Gier im Spiel.

Bleiben wir bei Ihrem Beispiel der Spielerberater. Da braucht es doch dort zum schmutzigen Geschäft auch immer den Vereinsmanager auf der Gegenseite, der mitspielt. Etwa, wenn es um Kickback-Zahlungen geht, also das gegenseitige Aufteilen von überhöhten Provisionen für Spielertransfers. Ein offenes Geheimnis, oder?

Das ist eine Befürchtung, die ich auf Grund meiner Erfahrung im Profifußball teile. Ich habe keine Belege und könnte das niemals frei behaupten. Aber überall in der Szene, und nicht nur national, bestehen diese Vermutungen. Wenn so viel Geld im Umlauf ist, besteht der Verdacht, dass es bei schwarzen Schafen ein Kickback-System gibt.

Ist das ein Fußball-Phänomen?

Nein, es soll nicht der Eindruck entstehen, wir redeten nur über Fußball: Wenn Sie früher in Korruptions-belasteten Ländern ein Geschäft machen wollten, dann brauchen Sie nicht zu glauben, dass irgendwas ging ohne ein Kickback. Man konnte die Dinge ja sogar noch steuerlich absetzen, die man irgendwo mal auf dem Tisch hat liegen lassen beim Frühstück. Natürlich gehört es zu den wichtigen Aufgaben einer modernen Geschäftsführung, im Sport wie in der Wirtschaft, das im Keim zu ersticken und zu bekämpfen. Ich bin dankbar, dass ich heute für eine Organisation arbeiten darf, die sich gegen Korruption stark macht.

Als Aufsichtsratsvorsitzender bei Werder Bremen haben Sie eine Position inne, um einwirken zu können. Sie hatten ja auch bereits mit kritischen Themen zu tun, von Claudio Pizarros angeblichem Spielerberatungsvertrag angefangen bis zu Vorwürfen gegen einen  früheren Werder-Geschäftsführer. Wie gehen Sie vor in Bremen?

Im Aufsichtsrat werden wir von der Geschäftsführung über jeden Transfer informiert, damit wir alle Geldflüsse genau nachvollziehen können. Wir haben immer auf absolute Transparenz gesetzt. Um absolute Sicherheit zu bekommen, dass an gewissen Vorwürfen tatsächlich  nichts dran war, haben wir einen Wirtschaftsprüfer eingesetzt für viel Geld. Dann konnten wir mit einem guten Gewissen weiter arbeiten. Unser Verein darf nicht in Schwierigkeiten geraten, unser Image nicht leiden – also klären wir alles auf.

Kommentare zu " Willi Lemke im Interview: „Im Profi-Fußball ist auch Gier im Spiel“"

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  • Was soll man auch anderes erwarten. In unserer Gesellschaft wird sich doch nur noch über Materialismus, Geld usw. definiert. Andere Werte zählen nichts.
    Heute, ist doch fast überall nur noch Gier im Spiel.
    Das fängt doch bei der Fußballjungend schon in der C Klasse an. Früher, ( vor 40 Jahren ), hat man da noch zum Spaß gespielt. Heute, geht es in der untersten Klasse schon ums Geld. Trainer macht auch keiner mehr nur "ehrenamtlich".



  • Ich lach mich schlapp. Zu DIESEM Thema diesen Herrn zu befragen.......

  • Die Sportverbände IOC, FIFA;UEFA,DLV etc sind heute nicht nur Sportverbände, sondern Wirtschaftsorganisationen.
    Daher sollten für sie auch die gleichen Regeln gelten , wie für "normale" Wirtschaftsunternehmen und Konzerne:
    in diesem Rahmen demokratisch legitimiert, mit Vorständen und Aufsichtsräten, verpflichtet zu bilanzieren und Complience-Richtlinien aufzustellen und zu befolgen.
    Transparency hat da sicher noch geeignetere Lösungsvorschläge und Ansätze zur Sanktionierung und in Sachen Strafrecht zu bieten.

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