WM 2010
Ein fast perfekter deutscher Sommer

Fast vier Wochen lang fieberte Fußball-Deutschland Mitte des Jahres mit einer selten so jungen und wohl noch nie so spielstarken Nationalmannschaft mit und träumte berechtigte Träume vom vierten WM-Titel. Bis ein spanischer Verteidiger der überraschenden Euphorie ein jähes Ende setzte – die Chronik einer unvollendeten Sommerliebe.
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DÜSSELDORF. Form follows function - lange Zeit diente das Architektur-Prinzip des Designs, das sich aus der Funktionalität des Objekts ableiten soll, unbewusst als Paradigma des deutschen Fußballs. Das Ergebnis stand vor dem ästhetischen Erlebnis, ein wenig eleganter Endspieleinzug war mehr wert als eine schöne Spielweise und ein frühzeitiges Aus – es ist noch nicht lange her, dass das Auftreten deutscher Mannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften vor allem an Resultaten gemessen wurde. Entsprechend entwickelten sich auch die Symbolfiguren der vergangenen Endrunden.

1986 rumpelte sich die Beckenbauer'sche DFB-Auswahl in eine Endspiel-Niederlage gegen die überlegenen Argentinier um Diego Maradona. In einer spielerisch arg limitierten Mannschaft galt Keeper Toni Schumacher – vier Jahre zuvor mit einem bösem Foul noch als plastischer Chirurg im Gesicht des Franzosen Patrick Battiston unterwegs – als bester Akteur.

Vier Jahre später gewannen die Deutschen letztmals und auch verdient den Titel, der überragende Mittelfeldmotor Lothar Matthäus stand als Kopf einer Mannschaft voller Kraft, Disziplin und Willen, die heute immer noch gerne bemühten deutschen Tugenden. 1994 und 1998 verpasste Berti Vogts als Beckenbauers Nachfolger mit Mannschaften, deren beste Spieler ihren Zenit einfach überschritten hatten, jeweils das Halbfinale und musste sich vorher auf das gelegentliche Aufblitzen der alten Fähigkeiten verlassen. 2002 wurde der überragende Keeper Oliver Kahn, der dem Team von Rudi Völler mit seinen Paraden fast im Alleingang den Endspiel-Einzug sicherte, zum titanenhaften Sinnbild, das sich im Finale bei einem einfachen Schuss von Rivaldo selbst dekonstruierte.

Selbst beim so traumhaften Sommermärchen 2006 bei der WM im eigenen Land nährte sich die Euphorie vor allem aus den im Vorfeld sehr niedrigen Erwartungen und vereinzelten spielerischen und emotionalen Highlights wie Oliver Neuvilles 1:0 gegen Polen oder dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale. Aber - der Anfang war gemacht. „Primum movens“ Jürgen Klinsmann als Motivator und in noch größerem Maße sein damaliger Co-Trainer Joachim Löw fanden eine gelungene Mischung aus jungen Talenten wie Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker und erfahrenen Spielern wie Michael Ballack, Torsten Frings oder Jens Lehmann.

Eine Mixtur, die nach dem kleineren spielerischen Rückschlag der EM 2008 auch in Südafrika wieder erfolgreich werden sollte. Doch es kam anders: Michael Ballack verletzte sich einen Monat vor Beginn der WM, Abräumer Torsten Frings war schon weit vorher in Ungnade gefallen und Keeper Jens Lehmanns beendete seine Nationalmannschaftskarriere nach der Europameisterschaft trotz aller späterer Überlegungen endgültig. Zudem fielen die sicheren WM-Fahrer Simon Rolfes, Heiko Westermann, René Adler und Christian Träsch aus. Als Bundestrainer Joachim Löw dann am 1. Juni – zehn Tage vor dem Eröffnungspiel der Endrunde – seinen endgültigen Kader bekanntgab, war es keine große Überraschung, dass die 23 Spieler den mit 24,96 Jahren jüngsten Altersschnitt seit der WM-Premiere 1934 hatten.

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