WM-Analyse
Die BWL-isierung des schönen Spiels

Die Fußball-WM 2006 in Deutschland geht als die stimmungsvollste in die Fußballhistorie ein. Tiefe Spuren in der Geschichte des Spiels wird sie kaum hinterlassen.

BERLIN. Wirklich mitreißende Fußballspiele vermissten die Zuschauer allzu häufig in diesem Turnier. "Offense wins fans, defense wins titles" sagen die Amerikaner - und zumindest was diese WM anging, behielten sie Recht. Luis Felipe Scolari hatte es schon vorher gewusst. Im Mai hatte er verkündet: " Bei dieser WM wird sehr defensiv gespielt werden. Es wird taktisch hochwertige Spiele von qualitativ guten Mannschaften geben, aber wenig Tore."

Tatsächlich wurde das Turnier nicht wie so oft zuvor durch überragende Solisten im Angriff entschieden, sondern in der Verteidigung. Genauer gesagt: im defensiven Mittelfeld. Pirlo und Gattuso bei den Italienern, Vieira und Makele bei den Franzosen, Maniche und Costinha bei Portugal und nicht zuletzt Frings und Ballack bei Deutschland - die Defensivpärchen übernahmen die Funktion der Kommandozentrale, waren das Herz der erfolgreichen Mannschaften, waren diejenigen, die den Takt und den Rhythmus vorgaben. Drei von vier Teams im Halbfinale spielten mit nur einem Stürmer. Das Offensivspiel wurde ganz zwangsläufig vor allem aus dem Mittelfeld heraus gestaltet.

Den Gegner gar nicht erst in den eigenen Strafraum kommen lassen, die Räume schon weit davor eng machen und den Ballführenden möglichst sofort doppeln. Und auf dem Weg nach vorne mit Kurzpassspiel und Tempofußball den Erfolg suchen, hieß das Rezept der erfolgreichsten Teams.

Der Fußball unterliegt einem Trend, den man kritisieren, den man verurteilen mag. Ihn leugnen oder ignorieren kann man nicht: Das Spiel wird zunehmend in Systeme gepresst, die Darsteller sind in ihren taktischen Fesseln gefangen. Keine Aufholjagden, kaum einmal wurde das Visier hochgeklappt - nur einmal wogte ein Spiel hin und her, beim 3:2 der Elfenbeinküste gegen Serbien. Einem unbedeutenden letzten Gruppenspiel. Immer mehr Schematismus, immer weniger Anarchie - die "Arsenalisierung", also die Anlehnung an den Spielstil des englischen Spitzenklubs und Champions-League-Vize Arsenal London, scheint unaufhaltsam.

Und selbst die deutsche Mannschaft, mit ihrem forschen Drang zum Tor bei der WM mit gutem Beispiel vorangegangen, damit insgesamt aber ziemlich allein auf weiter Flur, konnte sich dem nicht entziehen, wie das Beispiel Michael Ballack zeigt. Als torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt gepriesen wurde seine vielleicht größte Stärke - auch auf sein eigenes Bestreben hin - auf dem Silbertablett dem taktischen Gesamtkonzept geopfert.

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