WM-Euphorie in Frankreich
Domenech zwang Thuram zum Rücktritt vom Rücktritt

"Er hat mir gedroht, er werde mich immer wieder berufen, bis ich nicht mehr nein sagen könne", schmunzelt der Franzose Lilian Thuram über seinen "erzwungenen" Rücktritt vom Rücktritt durch Coach Raymond Domenech.

Ziemlich genau zwei Jahre sind vergangen, seit Lilian Thuram das Kapitel Nationalmannschaft eigentlich ad acta gelegt hatte. Zu deprimiert war der Weltmeister von 1998 vom französischen EM-Debakel in Portugal, das in einer Viertelfinalniederlage gegen Griechenland (0:1) gipfelte. "Diese Meisterschaft war nur verschwendete Zeit", sagt der Rekord-Nationalspieler rückblickend.

Domenech gab Anlass zum Rücktritt vom Rücktritt

24 Monate später hat der 34-Jährige den Spaß an der "Equipe Tricolore" wiedergefunden, auch dank der Beharrlichkeit des neuen Nationaltrainers Raymond Domenech, der nach der EM sein Amt antrat. Thuram: "Er hat mir damals in einem persönlichen Gespräch und mehreren Telefonaten gedroht, er werde mich solange immer wieder in den Kader berufen, bis ich nicht mehr nein sagen könne."

Nach einem Jahr war Thuram weichgeklopft und kehrte ebenso zu den "Blauen" zurück wie Zinedine Zidane und Claude Makelele, gerade noch rechtzeitig, um entscheidende Akzente bei den WM-Qualifikationsspielen zu setzen. Und dennoch: Wirklich überzeugt von der Richtigkeit seines Comebacks war der Kopfball-Hüne seinerzeit noch nicht.

"Diszipliniertes Kollektiv "

Geändert hat sich dies erst nach der mühsamen überstandenen WM-Vorrunde. "Vor zwei Jahren waren wir kein wirkliches Team. Diesmal haben wir in den ersten Spielen bewiesen, dass wir ein diszipliniertes Kollektiv sind und respektvoll miteinander umgehen. Dass die ersten Ergebnisse nur mäßig waren, hat uns ganz eng zusammenrücken lassen", beschreibt Thuram das personelle Gefüge.

Coach Domenech habe daran einen großen Anteil, dennoch seien die Möglichkeiten eines Trainers bei internen Problemen dieser Art begrenzt: "Er kann da noch so hart arbeiten, die Spieler müssen mitziehen." Dass sie es bis zum WM-Ende tun, daran zweifelt der Verteidiger von Juventus Turin nicht: "Alle haben einen guten Charakter."

Genau der steht auch beim Halbfinalspiel in München am Mittwoch (21.00 Uhr/live bei Premiere und in der ARD) gegen Portugal auf dem Prüfstand. Schließlich ist die Begeisterung in Frankreich groß, nach dem 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen Titelverteidiger Brasilien gilt der Vize-Europameister bestenfalls als kleiner Stolperstein. Thuram ist jedoch sicher, dass das Team "diese problematischen Erwartungen abwehren kann".

Weit weniger sicher ist die sportliche Zukunft des Vereinsfußballers Thuram. Was sein noch bis 2008 laufender Vertrag bei Juventus Turin noch wert ist, lässt sich erst nach dem Urteil im italienischen Manipulationsprozess, bei dem die Machenschaften des Rekordmeisters im Mittelpunkt stehen, realistisch abschätzen.

Einsatz gegen Rassismus

Mittelfristig will der auf Guadeloupe geborene Profi mit dem Fußball ohnehin nichts mehr zu tun haben. Thuram hat sich nach eigenen schlimmen Erfahrungen schon jetzt dem Kampf gegen den Rassismus verschrieben. Als ehrenamtlicher Berater ist er bereits seit 2001 Mitglied im anerkannten "Hohen Rat für Integration" mit Sitz in Paris.

© SID

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