Wucherpreise in Russland Übernachtungsgäste sind schon jetzt die Verlierer der Fußball-WM

Zwei Monate vor der Fußball-WM in Russland sind erschwingliche Zimmer an Spielorten Mangelware. Vermieter spielen dabei nicht immer fair.
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Allen Boykottdrohungen zum Trotz – im Durschnitt kostet ein Dreisterne-Zimmer während der WM weit über 100 Euro. Quelle: Reuters
Nizhny Novgorod Stadion

Allen Boykottdrohungen zum Trotz – im Durschnitt kostet ein Dreisterne-Zimmer während der WM weit über 100 Euro.

(Foto: Reuters)

MoskauPawel freut sich riesig auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Der 29-Jährige ist eine echte Sportskanone, jede freie Minute nutzt er für sein Fitness-Programm: Sei es ein Dauerlauf oder ein paar Kraftübungen, der Bizeps spannt sich nur so unter seinem Hemd.

Fußball selbst steht allerdings nicht auf dem Übungsprogramm. Auch ins Stadion geht Pawel nicht, ja nicht einmal einen Fernseher besitzt er, um sich Spiele auf der Couch anzuschauen. Der Name Messi ruft bei ihm nur ein Achselzucken hervor, wer für die russische Sbornaja spielt? „Keine Ahnung“. Pawels Interesse an der WM ist rein finanzieller Natur.

Pawel ist Junior-Partner und Manager bei einem Wohnungsanbieter. Seinen Nachnamen möchte er nicht veröffentlicht wissen, ebenso wenig den Namen seines Unternehmens. Denn sonderlich kundenfreundlich geht der Anbieter nicht vor. Dazu später mehr.

Die kleine Firma vermietet Apartments nicht langfristig, sondern tage-, und manchmal sogar stundenweise. Das ist aufwändig, aber lukrativ. Bei der Weltmeisterschaft rechnet das Unternehmen mit einem massiven Anstieg der Zimmerpreise. Nicht als einziger Anbieter. Experten schätzen, dass die Mieten während der WM um durchschnittlich 70 Prozent nach oben gehen, während die Hotels zu 100 Prozent ausgelastet sind.

Trotz aller Boykottdrohungen: Kreml und Fifa rechnen im Sommer mit einem gewaltigen Fanandrang – natürlich auch aus dem Ausland. Der Vizepräsident des russischen Fußballverbands, Sergej Anochin, erwartet mehr als eine Million Schlachtenbummler.

„Dass es ungefähr 3,5 Millionen Ticketanfragen für die WM 2018 gibt, zeigt, dass die Ausländer keine Angst haben, nach Russland zu fahren“, sagte er. Sowohl die Queen, als auch Großbritanniens Premierministerin Teresa May werden zu Hause bleiben, doch 20.000 englische Fans haben sich schon angekündigt. Aus China sollen womöglich sogar 100.000 kommen und selbst aus den USA, die gar nicht qualifiziert sind, ist die Kartenanfrage gewaltig.

Um dem Mietwucher zu begegnen, hat die russische Regierung bereits im Vorjahr Höchstgrenzen für Vermieter festgelegt. Viel geholfen hat das nicht, denn die Regelung lässt den Hoteliers viel Spielraum. So dürfen sie in der Metropole St. Petersburg für eine Übernachtung im Fünf-Sterne-Hotel maximal knapp 10.000 Euro nehmen. Vielleicht gibt es tatsächlich einige superreiche Fußballfans unter den Anreisenden, doch dem Gros steht ein deutlich geringeres Budget zur Verfügung. Nur schützt das nicht vor Wucherpreisen.

Derzeit sind über Booking.com zum Tag des Eröffnungsspiels noch 1.100 Unterkünfte in Moskau verfügbar. Das billigste Drei-Sterne-Hotel ist demnach – auch der Rubelabwertung sei Dank – für etwa 50 Euro zu haben, im Schnitt liegen die Preise für die Hotelkategorie allerdings längst bei weit über 100 Euro. Das teuerste Zimmer in einem Dreisterne-Hotel kostet 450 Euro.

Wer sich zum Beispiel im September dort einmieten möchte, kann schon für umgerechnet 37 Euro eine Unterkunft buchen. Und es gilt die alte Gleichung: Je näher der Termin, desto größer die Nachfrage, entsprechend höher die Preise. Ein Faktor, der auch bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich die ohnehin zünftigen Zimmerpreise in Paris in schwindelnde Höhen getrieben hat.

Selbst in der Ural-Metropole Jekaterinburg, dem östlichsten Punkt der Weltmeisterschaft, variieren die Preise stark. Bei Airbnb sind dort zurzeit 300 Wohnungen ausgestellt. Die billigste kostet rund 50 Euro die Nacht, für die teuerste will eine Anbieterin rund 750 Euro haben. Der Durchschnittspreis für eine Wohnung in Stadionnähe liegt bei 400 bis 500 Euro. Aktuell, weit im Vorfeld des Turniers, starten die Preise bei 17 Euro.

Allerdings ist selbst bei einer geglückten billigen Buchung der Schnäppchenpreis noch lange nicht gesichert. „Bei uns haben auch einige Frühbucher noch im Januar über Booking Plätze reserviert“, erinnert sich Pawel. Als die Firma dann gemerkt habe, dass sie ihre Apartments teurer vermieten kann, habe er die Buchungen wieder gecancelt.

„Es hat eine Menge Überredungskunst gekostet, die Leute davon zu überzeugen, dass es einen Systemfehler gab und die Wohnungen zu der Zeit eigentlich schon vermietet sind“, sagt er nicht ohne Stolz auf seine Geschäftstüchtigkeit. Bei den gängigen Maklerplattformen stellt das eine Verletzung der Nutzungsbedingungen da. Freundlich ausgedrückt ist diese Geschäftspraktik Abzocke.

Pawels Unternehmen hat die Apartments dann zunächst aus den Suchmaschinen genommen und will sie erst kurz vor der WM wieder anbieten – zu Höchstpreisen versteht sich. Die Rechnung könnte aufgehen, auch wenn in Moskau das Wohnungsangebot groß ist. Die Auslastung während des WM-Zeitraums wird wohl über 80 Prozent liegen.

In Nischni Nowgorod haben die Behörden, um dem Andrang gerecht werden zu können, eine preiswerte Übernachtungsalternative erdacht. Rund 5.000 Plätze will die Stadt in Campingplätzen zur Verfügung stellen. Die seien besonders bei jungen Leuten gefragt, ist die Touristikchefin im Kulturministerium der Regionalverwaltung Alla Morosowa überzeugt. Die Zeltlager werden mit allem Komfort ausgestattet, versicherte sie. Für die Verpflegung und sanitäre Anlagen werde gesorgt. Über den Preis einer solchen Übernachtung ist allerdings noch nichts bekannt.

Übrigens wollen nicht alle russischen Hoteliers um jeden Preis Kasse machen. Die WM ist ein einmaliges Ereignis, die Fußballfans kommen und sind dann wieder weg. Doch die anderen Gäste seien vergrault, meint Sergej Romaschkin von der Tourfirma „Delfin“. Seiner Schätzung nach droht der Markt durch das Championat und die Preissteigerungen 20 Prozent der gewöhnlichen Touristen zu verlieren. Er fordert daher, die Weltmeisterschaft zu nutzen, um nachhaltig für Tourismus in Russland zu werben. Wucherpreise dürften dem abträglich sein. Ob der Gedanke sich durchsetzt, bleibt allerdings fraglich.

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