In der Formel 1 schlägt die Stunde der Assistenten
Allianz der Schattenparker

Es sind nicht bloß die 20 Stunden Flug und die neun Stunden Zeitverschiebung, die die Formel 1 am anderen Ende der Welt ein bisschen durcheinander gebracht haben.

MELBOURNE. Beim letzten WM-Lauf in Kuala Lumpur haben einige der gesetzten Piloten ungekannte Emanzipationsversuche erlebt. Auch wenn in der Hitze Malaysias andere Umstände herrschten, glänzten plötzlich vermeintliche Zweitbesetzungen wie Giancarlo Fisichella, Felipe Massa oder Juan-Pablo Montoya statt der erwarteten Fernando Alonso, Michael Schumacher oder Kimi Räikkönen. Nach dem Rennen ist vor dem Rennen: Beim Großen Preis von Australien am Wochenende müssen die Aufständischen beweisen, dass sie mehr als Eintags-Fahrer sind.

Es ist eine Allianz der Schattenparker, die mehr verbindet als nur die Zufälligkeit eines einzelnen Resultats. Die Bewährungsprobe für das Trio dauert in Wirklichkeit auch länger als die 58 Runden im Albert Park. Denn Fisichella, Massa und Montoya müssen den Rennställen von Renault, Ferrari und McLaren ihre Zukunftsfähigkeit unter Beweis stellen, ihre Verträge laufen zum Saisonende aus. Damit wird jeder Grand Prix zu einer Art rasendem Bewerbungsschreiben. Bei der Jagd auf die Arbeitsplätze sorgen schmeichelnde Ergebnisse natürlich für das nötige Selbstbewusstsein.

Als Galionsfigur der zu kurz gekommenen gilt seit Jahren Giancarlo Fisichella. Der 33-Jährige wird seit einem Jahrzehnt als Talent gehandelt, der Zusatz „ewig“ gilt nicht nur für seine Heimatstadt Rom. Im Vorjahr, als er den Auftakt-Grand-Prix in Melbourne gewann, wähnte er sich endlich in der Liga der Ernstzunehmenden. Am Saisonende war er nach einer technischen Pechsträhne WM-Fünfter, sein Teamkollege Fernando Alonso aber Weltmeister. Kein anderer Pilot verzieht das Gesicht so melodramatisch wie Fisico. Und niemand bei der Equipe von Renault hat sich so über den frühzeitig bekannt gewordenen Wechsel von Fernando Alonso zu McLaren gefreut wie Fisichella. Er setzt darauf, dass der Vertrauensentzug des Spaniers dazu führt, dass das Team alle Kräfte auf ihn konzentriert. Der Erfolg in Malaysia, als ein Tankmissgeschick in der Qualifikation dem am Ende zweitplatzierten Alonso den möglichen Sieg gekostet hatte, wird von den Franzosen nun geschickt dazu genutzt, beide Fahrer unter Druck zu setzen. „Wir haben Giancarlo gesagt, dass Fernandos Wechsel die große Chance für ihn ist“, sagt Renault-Stratege Pat Symonds. List und Tücke. Fisichella weiß auch, dass er die hohen Ansprüche von Flavio Briatore erfüllen muss, der ansonsten mit dem Freifahrtschein ins Nirgendwo winkt.

Bei den Siegerinterviews in Malaysia kam es zu einer peinlichen Stille, als der spanische WM-Tabellenführer Alonso mit den üblichen Verdächtigen als härtesten Gegnern rechnete, aber den neben ihm sitzenden Teamkollegen Fisichella schlichtweg vergaß. Das versuchte der Titelverteidiger zwar in Melbourne zu relativieren („Im Moment sind alle Fahrer Gegner“), aber am Ende rechnete er doch wieder mit Räikkönen und Schumacher als Gegenspielern.

Kimi Räikkönen, der primär durch technische Defekte am Silberpfeil zurückgeworfen wurde und in der WM derzeit hinter Juan-Pablo Montoya liegt, klammert seinen Nebensitzer ebenfalls aus dem Titelrennen aus, rechnet am Ende mit einem Duell gegen Alonso. Der Kolumbianer, der so schnell auf Touren kommt wie er beleidigt ist, sieht bei McLaren keine große Zukunft mehr. Er soll schon bei Renault und bei Red Bull angeklopft haben. Momentan gibt es reichlich Streicheleinheiten für den 30-Jährigen, der die großen Vorschusslorbeeren in fünf Jahren Formel 1 nie dauerhaft bestätigen konnte. Gern behauptet er, dass ihn das ganze Gerede um seine Zukunft nicht schere: „Ich bin völlig fokussiert auf diese Saison.“ Was insofern stimmt, als dass er jetzt seinen Marktwert durch Ergebnisse bestimmen kann. Er muss auch die kleinste Möglichkeit zur Profilierung nutzen. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Der Große Preis von Malaysia, das war die große Stunde der Assistenten. Die Gunst nutzte auch Felipe Massa, der als Fünfter einen Rang vor Michael Schumacher ins Ziel kam. Über etliche Runden konnte er den erfolgreichsten Formel-1-Piloten hinter sich halten. Ein seltenes Erlebnis für eine Numero due bei Ferrari. Massa, 24, wird hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand als Platzhalter gehandelt .Falls Schumacher über 2006 hinaus weiterfährt und Wunschkandidat Räikkönen in Maranello andockt, hätte der pikanterweise von Jean Todts Sohn gemanagte Brasilianer bei Ferrari keine Zukunft mehr.

Auch Massa beruft sich natürlich darauf, dass beide Piloten das identische Material bekommen würden, was auch Fisichella als Zeichen für die eigene Stärke anführt – er habe Alonso mit gleichen Waffen geschlagen. So richten sie sich an denen auf, die sie sonstmeist demütigen.

Michael Schumacher stärkt brav die Moral seines neuen Kollegen, und spricht von einigem „Kopfzerbrechen“, dass ihm Massa bereite. Beim spielerischen Duell für einen Ferrari-Sponsor auf einem Melbourner Rugby-Spielfeld stürmte der Ex-Weltmeister mit dem Ball auf die Grundlinie zu, der antrittsschnelle Massa jagte hinterher, doch es ging aus wie das Rennen zwischen Hase und Igel. Schumacher machte die Punkte zum Sieg seiner Mannschaft. Nur die Witterung aufzunehmen, reicht noch nicht.

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