Motorsport Formel1
Theissen: "Formel 1 ist in Europa groß geworden"

Im sid-Vierer-Interview sprechen die Sportchefs von Mercedes, BMW, Audi und VW über die Zukunft der Formel 1 in Deutschland und die finanziellen Probleme der Rennstrecken.

Im aktuellen Vierer-Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) sprechen Mercedes-Sportchef Norbert Haug, BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen, Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich und Volkswagen Motorsport-Direktor Kris Nissen über die Zukunft des Hockenheimrings und der Formel 1 in Deutschland.

sid: "Der Nürburgring und Hockenheim machen riesige Verluste. Haben Sie Angst, dass beide Rennstrecken bald von der Formel-1-Landkarte verschwinden könnten?"

Norbert Haug: "Die Formel-1-Rennen dort bringen der Region jeweils nennenswerte Umsätze und Gewinne und natürlich auch Steuergewinne. Ich bin sicher, es lässt sich eine gemeinsame Formel finden, wie die Formel 1 an den deutschen Spielorten zu halten ist."

Mario Theissen: "Für uns als deutschen Automobilhersteller ist es wichtig, einen Formel-1-Grand-Prix in Deutschland zu haben. Das ist ein Heimspiel, und das Team hat hierzulande viele Fans, die sich jedes Jahr auf dieses Rennen freuen. Als Austragungsort ist uns Hockenheim genauso lieb wie der Nürburgring. Doch muss sich das Ganze für die Verantwortlichen wirtschaftlich rechnen - und das wird offenbar immer schwieriger."

Wolfgang Ullrich: "Das wäre schade, aber: Auch Rennstrecken sind ganz normale Wirtschaftsbetriebe, die mit ihren Budgets haushalten müssen. Die beiden Rennstrecken müssen sich fragen, ob es sinnvoll ist, nur aus Prestigegründen die Formel 1 zu halten. Die Verluste resultieren in erster Linie aus den viel zu teuren Formel-1-Rennen. Und: Der Schumacher-Effekt, von dem Viele gelebt haben, existiert nicht mehr. Mit anderen Veranstaltungen oder der Vermietung für Testfahrten und Events lassen sich voraussichtlich besser Gewinne erzielen."

Kris Nissen: "Nein. Da habe ich keine Sorge. Die Rennstrecken sind über das ganze Jahr mehr als gut ausgelastet."

sid: "Hockenheim steht vor dem Aus. Mercedes-Benz, BMW, Audi oder VW könnten helfen und mit einer finanziellen Beteiligung als Namensgeber auftreten. Was halten Sie davon?"

Haug: "Wir sind Kunde in Hockenheim und auf dem Nürburgring und haben über viele Jahre die Tickets auf den Mercedes-Tribünen abgenommen und innerhalb unseres Systems weiterverkauft und mit unseren Programmen rund um diese Tribünen die Veranstaltungen stets attraktiviert und den Kunden so kostenlose Mehrwerte geboten. Wir sind Aktive auf der Rennstrecke und keine Rennveranstalter. Aber der gemeinsame Weg ist zu finden - ohne große Klimmzüge, wie bereits ausgeführt."

Theissen: "Wir treten mit unserem BMW Sauber F1 Team als Wettbewerber in der Formel 1 an, nicht als Veranstalter."

Ullrich: "Ich bin überzeugt, dass Hockenheim sich selbst retten muss und auch kann."

Nissen: "Volkswagen hat keinen Bedarf. Wir haben genügend Testgelände für unsere Entwicklungen. Und wenn wir eine Rennstrecke brauchen, dann haben wir die Motorsport Arena Oschersleben praktisch direkt vor der Haustür."

sid: "Was müsste passieren, dass sich die Formel 1 in Deutschland für die Rennstreckenbetreiber wieder rechnet?"

Haug: "Siehe oben."

Theissen: "Da müssten Sie in erster Linie die Rennstreckenbetreiber fragen. Ich vermute, dass sich die Formel 1 für sie immer schwieriger refinanzieren lässt. Auch hier geht es um die wichtige Balance zwischen Kosten und Einnahmen."

Ullrich: "Ich bin überzeugt, dass sich der Motorsport für die Rennstreckenbetreiber rechnet. Er rechnet sich nur nicht, wenn die Organisatoren überzogene Lizenzgebühren verlangen, die sich einfach nicht refinanzieren lassen und die Betreiber sich darauf einlassen. Wenn die DTM beispielsweise in Hockenheim fährt, dann profitieren alle Seiten davon."

Nissen: "Die Rennstrecken müssen sich auf der Kostenseite ebenfalls anpassen und dürfen nicht nur an die Formel 1 denken."

sid: "Bahrain, Abu Dhabi und bald Indien - sind das wirklich die Formel-1-Schauplätze der Zukunft?"

Haug: "Das sind hervorragende Spielorte, so viel steht fest. Diese Länder wollen sich die Formel 1 leisten und sind enorm stolz darauf, einen Lauf zur Weltmeisterschaft in ihrem Land zu haben. Abu Dhabi wird beim Saisonfinale dieses Jahr Zeichen setzen, so wie das Singapur im vergangenen Jahr mit dem ersten Nachtrennen in der Formel-1-Geschichte tat. Trotzdem sind wir bei Mercedes-Benz sehr dafür, dass die Grand Prix in Deutschland auch in Zukunft im Wechsel auf dem Hockenheimring und dem Nürburgring stattfinden, und der Weg dazu lässt sich, wie gesagt, finden."

Theissen: "Der Mix macht's! Wir müssen schon darauf achten, dass die Formel 1 ihre europäischen Wurzeln behält, denn dort ist sie groß geworden. Die bekannten Traditionsrennstrecken wie Monza, Silverstone, Spa oder Monaco sind nun einmal in Europa, sie prägen den Charakter der Formel 1. Die Königsklasse muss aber auch dem Anspruch gerecht werden, eine echte Weltmeisterschaft zu sein. Deshalb gehören auch Rennen in den USA, China, Singapur oder Abu Dhabi dazu. Erinnern Sie sich nur an die Premiere in Singapur im vergangenen Jahr: Für mich war das Nachtrennen der Höhepunkt im Kalender. Vor ein paar Jahren hätte daran noch niemand zu denken gewagt. Und wer weiß: Vielleicht wird dies eines Tages wiederum getoppt."

© SID

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