Motorsport Formel1
Theissen: "Nächstes Jahr ganz vorne fahren"

Der Motorsportdirektor des BMW Sauber F1 Teams, Dr. Mario Theissen, ist mit dem Saisonverlauf bisher sehr zufrieden. Nächstes Jahr solle dann ein weiterer Sprung nach vorne gemacht werden, so Theissen im sid-Interview.

Vor dem Großen Preis von Frankreich am kommenden Wochenende in Magny-Cours hat BMW-Motorsportdirektor Dr. Mario Theissen ein positives Zwischenfazit für sein Team gezogen. Im nächsten Jahr wolle man dann ganz vorne angreifen, erklärte Theissen im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid.)

sid: "In Magny-Cours steht am Wochenende das achte von 17 Rennen an. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?"

Dr. Mario Theissen: "Sehr positiv. Wenn ich die vergangenen zwei Jahre betrachte, dann ist das eine sehr erfreuliche Entwicklung, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Wir haben vor der Saison das Ziel ausgegeben, aus eigener Kraft aufs Podium zu fahren. Wir haben das bislang einmal geschafft und dabei sogar Ferrari geschlagen. Von der Performance her sind wir mindestens im Plan, wahrscheinlich sogar etwas voraus. Wir haben die größten Hürden genommen, was die Stabilität und den Ausbau des Teams angeht. Die Entwicklungsgeschwindigkeit entspricht der der Topteams vor uns."

sid: "Ist es nun Ihr nächstes Ziel, an Ferrari heranzurücken?"

Theissen: "Was die Saisonziele angeht, bleibt alles beim Alten. Sollten wir den dritten Platz bei den Herstellern auch am Ende haben, sind wir hochzufrieden, denn das wäre genau die richtige Basis, um mit dem nächsten Auto nach dem Winter auch den nächsten Schritt zu tun. Aber natürlich hat jeder im Team gemerkt, das da was geht nach vorne. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns noch ein paar sehr gute Resultate in diesem Jahr gelingen."

sid: "Mit welchen Erwartungen fahren Sie nach Magny-Cours?"

Theissen: "Mit einem Fragezeichen. Weil sich die Ergebnisse der vergangenen Jahre nicht übertragen lassen. Wir sind das erste Mal mit Einheitsreifen dort, und wir haben zuletzt schon gesehen, dass sich das angestammte Bild verschieben kann."

sid: "Wird Robert Kubica in Magny-Cours fahren können?"

Theissen: "Das entscheiden die Ärzte. Robert fühlt sich topfit. Am Donnerstagmittag wird in Magny-Cours ein erneuter medizinischer Check durchgeführt. Wir hoffen natürlich, dass er fahren kann."

sid: "Unter dem Eindruck des schweren Unfalls von Montreal müssten Sie die zusätzlich geplanten Stadtrennen doch noch kritischer sehen ..."

Theissen: "Man muss sich insbesondere bei Strecken ohne große Auslaufzonen sehr genau überlegen, wie man die Streckenbegrenzung ausführt. Die Auswertung dieses Unfalls kann dazu beitragen, dass diese Strecken sicherer werden."

sid: "Entspricht die Konstrukteurswertung dem aktuellen Leistungsstand der Teams?"

Theissen: "Auf den ersten vier Plätzen ist das eindeutig so. Dahinter haben sich Verschiebungen ergeben."

sid: "Wie ist es eigentlich zu erklären, dass ein Team wie Mclaren-Mercedes, das im vergangenen Jahr nicht einen Sieg holte, plötzlich so dominant ist?"

Theissen: "Das ist eine Kombination der eigenen Leistung und dessen, was die Konkurrenz macht. Mclaren-Mercedes hat sicherlich einen ordentlichen Sprung gegenüber dem Vorjahr gemacht. Ferrari hat im Verlauf der ersten Saisonhälfte nachgelassen und ist damit für uns schon erreichbar geworden."

sid: "Ist in der WM schon eine Vorentscheidung gefallen?"

Theissen: "Die ist sicher noch nicht gefallen. Mclaren-Mercedes ist nach den bisherigen Leistungen der Favorit. Aber so schnell wie sich eine solche Lücke auftut, so schnell kann sie sich auch wieder schließen."

sid: "In der Vergangenheit gab es immer ein Team, das über eine längere Zeit die Formel 1 dominiert hat. Warum hat BMW diesen Schritt noch nicht vollziehen können?"

Theissen: "Bei dieser hohen Wettbewerbsdichte muss man alle Erfolgsfaktoren zu hundert Prozent einstellen, damit man siegfähig ist. Das gelingt nicht auf Anhieb. Wenn es gelingt, hat man in der Regel die Chance, dieses Niveau über ein paar Jahre zu halten. Wir sind noch auf dem Weg dahin. Wir sind noch in der Situation, das Team aufzubauen. Das wird zum Jahresende abgeschlossen sein. Wir haben das Ziel, über den nächsten Winter die verbleibende Lücke zu schließen und dann im nächsten Jahr mit den Teams ganz vorne um Siege zu fahren."

sid: "Wie lange kann es sich ein Hersteller leisten, seinen Zielen hinterherzufahren?"

Theissen: "Das muss jeder für sich selbst beurteilen. Für uns ist klar: Wir sind in der Formel 1, um zu gewinnen. Und wir sind auf dem Weg dahin."

sid: "In Magny-Cours stehen Gespräche der Hersteller über das künftige Reglement der so genannten grünen Formel 1 an. Wie ist da der Stand der Dinge?"

Theissen: "Man ist in der Phase des Zusammentragens von Ideen, in der jeder Hersteller seine Vorstellungen präsentiert. Auf dieser Basis wird die Diskussion erfolgen, um auf eine gemeinsame Linie zu kommen. Die Entscheidungen sollen im September oder Oktober fallen. Vor Jahresende sollte das Reglement endgültig klar sein."

sid: "Was muss getan werden, um die Formel 1 interessanter zu gestalten?"

Theissen: "Auf jeden Fall ist der Wettkampf das Element, von dem die Formel 1 lebt. Auf der anderen Seite geht es auch darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die die besondere Mischung aus Sport, Technologie, Show und Geschäft zum Tragen kommen lässt. Ich hoffe, dass man hier zu einer vernünftigen Kombination kommt."

sid: "Aber wird zurzeit nicht der Schwerpunkt auf Show gelegt?"

Theissen: "Das sehe ich anders. Was wir etwas vernachlässigt haben, ist die Show. Den Zuschauern an der Strecke, aber auch vor den Bildschirmen, etwas zu bieten - im Rennen und drumherum am gesamten Rennwochenende. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, sich zu überlegen, was wir tun können, um die Formel 1 zu dem Motorsportevent schlechthin zu machen, auch was die Attraktivität für die Zuschauer angeht. Durch die Sicherheitsvorkehrungen kommen die Fans nicht mehr so nah an die Strecke heran. Das ist zum Teil unvermeidbar, aber das nimmt auch einen Teil der Emotionalität für die Zuschauer weg. Deswegen müssen wir uns Gedanken machen, was wir an der Strecke und drumherum tun können. Zum Beispiel unseren BMW Sauber F1 Team Pit Lane Park: Hier schaffen wir ein Teamerlebnis für Zuschauer, die bis auf drei Meter an ein fahrendes Formel-1-Auto herankommen können. Oder sogar ein Formel-1-Auto anfassen, beim Reifenwechsel mitmachen können. Das sind genau solche Ideen, die wir umsetzen müssen, um dem Zuschauer die Formel 1 richtig nahezubringen."

sid: "Der Freitag mit dem freien Training ist Ihrer Meinung nach nicht optimal gestaltet ..."

Theissen: "Der Freitag hat zwei Ziele verfolgt. Erstens: Mehr Action an die Rennstrecke zu bringen. Das ist zweifellos gelungen. Zweitens: Das Testen auf den Freitag zu verlegen. Das ist sicher nicht ideal gelungen. Die ursprüngliche Idee war: Der Freitag ist ein Testtag, bei dem wir neue Techniken und junge Fahrer testen können. Tatsächlich ist der Freitag allerdings ein erweiterter Trainingstag, wo alles nach den gängigen Spielregeln abläuft. Da kann man sicher nachsetzen und sich etwas anderes überlegen."

sid: "Wer übernimmt eigentlich Ihren Posten, wenn Sie in den BMW-Vorstand aufrücken?"

Theissen: "Das wird nicht passieren. Ich bin auf der Position, die mir ungeheuer Spaß macht. Und ich glaube, ich kann hier auch am besten Wirkung entfalten."

© SID

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