Schumacher liebt Wettbewerb: Der Jäger des verlorenen Platzes

Schumacher liebt Wettbewerb
Der Jäger des verlorenen Platzes

In einer Winterpause, in der alles anders ist für Michael Schumacher und Ferrari, unterscheiden sich auch die Ansagen für ein Rennjahr, in dem alles anders werden soll. Michael Schumacher will noch mal Gas geben.

HB MADONNA DI CAMPIGLIO. Von oben betrachtet, besitzt der Skihang, den der Tourismusverband von Madonna di Campiglio nach Michael Schumacher getauft hat, ein Gefälle von 70 Prozent. Taugt das etwa zum Symbol, dass es von nun an wieder aufwärts gehen soll? Vielleicht ist das Steilstück ohnehin schwierig mit dem Ferrari-Piloten in Verbindung zu bringen, handelt es sich doch um einen Zielhang. Und der 37-Jährige steht vor einem Neu-Start. Nach dem Titelgewinn durch Fernando Alonso findet er sich in der Saison 2006 als Jäger des verlorenen Platzes wieder. Eine Rolle, in der er sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt – beim traditionellen Ferrari-Skicamp in den Dolomiten – sichtlich wohl fühlt.

Die Formel-1-Saison beginnt zwar erst am 12. März, aber die Weltmeisterschaft im Prozentrechnen bewegt sich bereits im höchsten Drehzahlbereich. In einer Winterpause, in der alles anders ist für Schumacher und Ferrari, unterscheiden sich auch die Ansagen für ein Rennjahr, in dem alles anders werden soll. Hatte Schumacher im Interview mit dem „Spiegel“ die Wahrscheinlichkeit, bei einer Vertragsverlängerung über 2006 hinaus im Ferrari Platz zu nehmen noch bei 99 Prozent angesiedelt, erhöhte er nach den Spekulationen, er wolle seinen Arbeitgeber damit unter Druck setzen, auf 99,9 Prozent. Verbal ist das Restrisiko damit minimiert, und anders als Rot wird er in der Formel 1 nicht mehr sehen.

Sein Teamchef und väterlicher Freund Jean Todt verspricht, dass das Team sein Zugpferd nicht unter Druck setzen werde. Der Franzose will auch nicht damit herausrücken, ob Kimi Räikkönen – mit oder ohne Schumacher – ein Kandidat für die Scuderia wäre.

Und die Frage, ob er Ferrari nicht seinen eigenen Nachfolger empfehlen möchte, verweigert Schumacher. Dafür gibt es lobende Worte für Felipe Massa, den neuen Beifahrer – der Rubens Barrichello ersetzt. Die Spekulations-WM, das weiß keiner besser als er, lässt sich ohnehin nicht stoppen.

Schumacher und seine wichtigste Ratgeberin, Gattin Corinna, bitten sich einen Spielraum bis Mitte des Jahres aus, der auch gewährt wurde. Auch das Ferrari-Team und dessen Führungsspitze ist sich selbst nicht sicher, wohin der Weg geht, und welche Richtung sich daraus für die Zukunft ablesen lässt. Klar ist in seiner besonderen Renten-Frage nur eins: „Wenn ich aufhöre, will ich erstmal nichts tun; nicht gleich den Rest meines Lebens verplanen.“

Es ist eine zweigeteilte Gewissensfrage, die ihn bewegt: Bin ich selber noch gut genug? Ist es mein Rennstall auch? Von der Theorie her kommt der abrupte Reglementswechsel in der Formel 1 – Abrüstung auf Acht-Zylinder-Motoren, neues Qualifikationssystem und die Rückkehr der Reifenwechsel – den Herausforderern eher zu pass. Dazu passt, dass der Rennfahrer sich mit aller Kraft der Lust widmen will, nicht mehr dem Frust. Davon hatte er – für seine Verhältnisse – eine Überdosis im Vorjahr. Das Lustprinzip manifestiert sich schon in der Anfahrt zum Ski-Urlaub. Michael Schumacher schwebte erst zwei Tage nach allen anderen ein, direkt von den Testfahrten im spanischen Jerez. Frohe Botschaft: Ich geb' Gas, ich will Spaß.

Noch ist es ein Übergangsauto, der neue Ferrari wird erst in dieser Woche rollen, und übernächsten Dienstag offiziell präsentiert, aber der Motor ist schon neu. „Es sieht vielversprechend aus. Wir sind überraschend schnell im Vergleich zu den anderen“, sagt Schumacher. Dieser erste, noch frische Eindruck vom großen Unterschied zum letzten Jahr ist ihm besonders wichtig: „Der Spaß beginnt, wenn man vorankommt, wenn man das Auto fühlt, wenn man plötzlich zwei Sekunden gewinnt“, sagt der Deutsche. „Es ist Rennfahren, wie ich es liebe. Die Freude am Fahren kommt mit der Wettbewerbsfähigkeit. Und ich liebe den Wettbewerb, das liegt in meiner Natur.“

Der Rückspiegel bleibt eingeklappt. Er wolle gar nicht nachrechnen, ob 2005 das Jahr mit der höchsten Fehlerquote in 15 Jahren Formel-1 war. Im Team wisse man jetzt genau, welche Fehler man gemacht habe, und die meisten dieser Probleme seien inzwischen auch gelöst. Im Detail mag er nicht darauf eingehen. WM-Rang drei für ihn und fürs Team, „armseelig“ nach dem eigenen hohen Standard, versteht Schumacher wortwörtlich als „Weckruf“. „Nicht jeder hat 100 Prozent seiner Leistungsfähigkeit gebracht, mich eingeschlossen.“ Unter Druck setzen müsse man niemand: „Keiner will noch mal so ein Jahr. Wir haben unsere alte Stärke zurück gewonnen. Man muss einfach noch härter, noch effizienter arbeiten. Es gibt noch Raum für Verbesserungen. Wir müssen nicht unbedingt den Titel holen, aber wir müssen eine echte Chance haben, darum zu kämpfen. Es kann für uns nur dieses eine Ziel geben - die WM zu gewinnen." Michael Schumacher will in jedem Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht bloß als Pate eines Skihangs.

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