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Kalter Krieg in London

Wenn sich die USA und China bei Olympia um Medaillen streiten, geht es um mehr als Sport - die Ideologie spielt mit. Unter dem Kampf der Systeme leidet nicht nur der Geist der Spiele, sondern auch der Breitensport.
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DüsseldorfZwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen sich wieder zwei Blöcke gegenüber. Nicht an schussbewerten Mauern oder in blutigen Stellvertreterkriegen, sondern im Kampf um Gold, Silber und Bronze. Der Gegner des freien Westens heißt heute nicht mehr Sowjetunion, sondern China. Der erste Platz im Wettkampf ist wieder einmal wichtig für die Staatsräson.

Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt treten an, um die beste Sportnation zu ermitteln. Und die Ideologie heizt den Wettkampf an. Die Fronten sind klar: Hier die USA mit Demokratie, freier Marktwirtschaft und Individualismus, dort die Weltmacht mit staatlich kontrollierter Privatwirtschaft, die das Staatswohl über die Freiheit des Einzelnen stellt. Wie edel die jeweiligen Motive sind, bleibt selbst im Schein des Olympischen Feuers im Dunkeln.

Beiden Ländern gemein scheint nur der unbedingte Wille zum Sieg. Welches System ist das erfolgreichere? Der vom „amerikanischen Traum“ angetriebene, individuelle und emotional tiefsitzende Ehrgeiz der USA? Oder die nüchterne, vom Kollektiv geprägte Effizienz, bei der der Zweck mitunter die Mittel heiligt? Bei den Spielen in Sydney, Athen und natürlich in Peking lagen die Chinesen vorn. In London setzten sich die Asiaten an den ersten Wettkampftagen erneut eindrucksvoll an die Spitze des Felds. Etwa durch die erst 16-jährige Schwimmerin Ye Shiwen, die mit einem fabelhaften Weltrekord-Gold über 400 Meter Lagen die Konkurrenz demütigte - und vor einem Jahr noch sieben Sekunden langsamer schwamm.

Der Kampf der Systeme kennt aber mehr Verlierer als Helden. Wenn Ideologie mitspielt, leidet der Sportsgeist. Es wird knallhart ausgesiebt, in China wie den USA. Breitensport wie in Deutschland, mit gewachsenen Vereinsstrukturen, ist dort unbekannt. Wer mit Gold heimkehrt, wird als Held gefeiert. Wer das Ziel verpasst, gilt als Versager. Nicht alle halten diesem Druck stand. Die Förderzentren gleichen Sportlerfabriken: Bei Turnern zum Beispiel schinden die Belastungen oft so sehr Körper und Geist, dass schon die Teilnahme an zwei Olympischen Spielen als Erfolg gilt.

Den Briten gelang aber mit der Eröffnungsfeier eine beeindruckende Darstellung ihrer Weltsicht. Regisseur Danny Boyle schuf eine fesselnde Hommage an die Wiege der modernen westlichen Wirtschaft, das Land von Adam Smith. Seine humorvolle, lockere und emotionale Inszenierung sollte der mechanischen, ihre Schönheit aus absoluter Perfektion ziehenden Show von Peking die Schau stehlen. Der gelungene Auftakt macht aber trotzdem deutlich: Das größte aller Sportfeste, das die Welt im olympischen Gedanken vereinen soll, funktioniert auch in Zeiten politischer Öffnung als letzte Bastion des Kalten Kriegs. Im Clinch befinden sich nicht mehr Systemfeinde, aber Systemrivalen. Dabeisein ist eben nicht immer alles.

Kommentare zu " Kommentar: Kalter Krieg in London"

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  • und wir stellen das Banekn wohl über das der einzelen....^^
    sind wir soviel besser wie china?

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