Olympia-Bilanz
Gold für London

Ein Jahr nach den schweren Krawallen und Plünderungen: Die Olympischen Spiele haben die multikulturelle Hauptstadt wieder zusammengeschweißt.
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LondonEin Mann wurde verhaftet, weil er im Überschwang morgens um 2 Uhr einen Royal Mail Briefkasten Gold anstrich– wobei er dem Beispiel der Königlichen Post selbst folgte. Sie hatte ausgewählte rote Briefkästen Gold gestrichen und jedem Goldmedaillengewinner eine Sondermarke versprochen – zu kaufen 24 Stunden nach dem Sieg an 500  Postämtern im ganzen Land. Dass es 29 Sondermarken werden sollten, die nun bis Weihnachten verkauft werden und an den Triumph dieser Spiele erinnern, hätte sich die Royal Mail wohl nicht träumen lassen.

Großbritannien wurden vom Erfolg der Spiele überwältigt – bis hinauf zu Premierminister David Cameron. „Wir zeigten der Welt, aus welchem Holz wir geschnitzt sind“, so seine Bilanz. Auf einer Pressekonferenz am letzten Tag bedankte sich bei den Athleten, „deren Namen Legende werden“, bei 120.000 ehrenamtlichen Helfern, die mit ihrem Lächeln die Welt begrüßten und den britischen Soldaten, die für die Inkompetenz der Sicherheitsfirma G4S einsprangen und dem Land diskret und freundlich aus der Patsche halfen.

London und die Briten gingen mürrisch, skeptisch, sogar zynisch in die Spiele. Doch als die Fackel in die Stadt kam, ließen sie sich wieder einmal mitreißen vom gemeinsamen Jubel. Die Nation endete als Goldmedaillengewinner im Heulen – kaum ein britischer Olympiasieger, der nicht eine Träne verdrückte und die Fernsehnation zu Heulstürmen hinriss.

Man hatte Angst vor Verkehrsinfarkt, murrte über die 11 Milliarden, die alles zusammen kostete, schimpfte auf Touristen, die auf den Rolltreppen auf der falschen Seite stehen. Man hatte Zweifel an der eigene Kompetenz und Organisationsfähigkeit und war sich sicher, dass das Chaos für die anreisenden Olympioniken schon am Flughafen mit langen Schlangen bei den Passkontrollen beginnen würde.

Der schlechte Stand der Vorbereitungen sei „beunruhigend“, mischte sich gar der amerikanischen  Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney vor Beginn der Spiele ein. Aber da kannte er die Londoner schlecht. „Ein Typ namens Mitt Romney will wissen, ob wir bereit für die Spiele sind“, rief Bürgermeister Boris Johnson 60.000 Londonern, die zum Fackellauf in den Hyde Park gekommen waren. Das war der Moment, wo London sich geschlossen hinter die Spiele stellte.

Nun gilt London 2012 als Totalerfolg. Nicht nur die Stadt London funktionierte fast reibungslos. Es waren die am besten besuchten und im Fernsehen am meisten verfolgten Spiele der Geschichte. Mehr Frauen nahmen teil als je zuvor, sogar aus Ländern wie Afghanistan und Saudi Arabien. Jede der 204 Nationen hatte in London ihr Publikum und ihre Fans. Fast die Hälfte der Londoner ist nicht in Großbritannien geboren und unterstützten Sportler aus ihren Heimatländern – aber alle unterstützten Großbritannien. Die Gastgebernation sammelte Sporterfolge wie noch nie und stand an dritter Stelle im Medaillenspiegel hinter den Großmächten USA und China.

Mehr noch als ein sportliches Ereignis wurden die Spiele ein soziokulturelles Phänomen: Von dem Moment an, als Filmemacher Danny Boyle mit seiner Eröffnungsshow die Briten und das Britische für die Welt definierte – schwelgerisch, surreal, komisch, voller Widersprüche, ein nahtloses Ineinander von Vergangenheit und  kreativem Zukunftsvertrauen – versammelte sich die Nation gebannt im Geiste Olympias. Ein Jahr nach den schweren Krawallen und Plünderungen in London und anderen Städten fanden sich die britischen Nationen durch das Diamond Jubilee und Olympia zusammengeschweißt und patriotisch wie nie. Allen bietet Olympia etwas. Der „Guardian“ freut sich, weil Olympia dem multikulturellen Selbstbewusstsein Großbritanniens Auftrieb gab. 68 Prozent glauben nach Olympia laut einer ICM/Guardian Umfrage, das moderne Großbritannien sei „als Land vieler Kulturen stärker“. 79 Prozent der Londoner unterstützen den Multikulturalismus des Landes.

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