Andre de Grasse
Der schnelle Mann neben Usain Bolt

Vor vier Jahren bestritt Andre de Grasse seinen ersten 100-Meter-Lauf. Am Sonntag gewann der 21-jährige Kanadier olympisches Bronze, nun möchte er auch über 200 Meter überraschen – mit Hilfe eines simplen Tricks.

Rio de JaneiroAls Andre de Grasse neben Usain Bolt aus seinem Startblock hochschnellt, sieht er nicht die blaue Tartanbahn vor sich, sondern eine Treppe. Sie reicht in die Höhe, bis weit über die Tribünen des Olympiastadions von Rio hinaus. Die ersten Stufen stehen weit auseinander, ein, zwei Meter, de Grasse muss sie mit großen, kraftvollen Sätzen überwinden.

Doch je höher er kommt, desto enger stehen die Absätze beieinander. De Grasses Schritte verkleinern sich, seine Füße prasseln wie ein Trommelwirbel in kurzer Abfolge auf den Boden. So erklimmt er Stufe um Stufe, das Crescendo der Tritte wird schneller und schneller, bis er schließlich, in luftiger Höhe, die Ziellinie passiert, als Drittschnellster – Bronze über 100 Meter, bei seinen ersten olympischen Spielen.

Die Treppe, sie dient dem Kanadier Andre de Grasse als imaginärer Spickzettel im Kampf gegen die besten Sprinter der Welt. Aufgeschrieben wurde er von seinem Trainer, Stuart McMillan, der so seit Jahresbeginn versucht, den Laufrhythmus seines Schützlings zu ordnen. Mit Erfolg: mit erst 21 Jahren musste sich de Grasse im 100-Meter-Finale von Rio nur Usain Bolt und Justin Gatlin geschlagen geben, den beiden Übersprintern der letzten Jahre.

„Ich habe zu Beginn des Rennens ein paar Fehler gemacht, sonst hätte ich vielleicht auch Silber holen können“, sagte de Grasse, nachdem er in 9,91 Sekunden ins Ziel gekommen war, zwei Hundertstel Sekunden hinter Gatlin. Ein Ergebnis, das dem Mann mit den funkelnden Ohrsteckern und dem zarten Kinnbart Auftrieb gibt: „Ich habe noch viel zu lernen, aber so ein Lauf gibt mir Selbstvertrauen.“

Zum Beispiel für das Rennen über 200 Meter, das am Donnerstag ansteht. Vermutlich wird der Kanadier seinen Medaillencoup angesichts der starken Konkurrenz nicht wiederholen können. Doch sofern die Lernkurve des Andre de Grasse weiter so steil ansteigt wie die Stufen vor seinem inneren Auge, dürften sich seine Aussichten auf weiteres Edelmetall in Zukunft deutlich erhöhen.

Den Laufsport betreibt Andre de Grasse erst seit vier Jahren – zuvor lief er in Markham, Ontario, nicht über Tartanbahnen, sondern Basketballcourts. An der Milliken Mills Highschool gehörte er zu den besten Korbjägern, doch seine Leidenschaft wurde nur von wenigen geteilt: Als sich zu wenig Interessierte für die Schulmannschaft meldeten, wurde das Team ein Jahr vor de Grasses Abschluss vom Spielbetrieb abgemeldet.

Für den damals 17-jährigen de Grasse ein schwerer Verlust, weswegen er seine Mutter um Erlaubnis bat, die Schule wechseln zu dürfen. Beverley de Grasse verweigerte ihrem Sohn diesen Wunsch – er solle sich auf seine Abschlussprüfungen konzentrieren und nicht seine Zeit mit Basketball verschwenden. Ihr Filius fügte sich widerwillig.

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