Bahnradsport Keirin
Samurai auf dem Rad

Der olympische Bahnradsport Keirin wurde im Japan der Nachkriegszeit erfunden – für den Wiederaufbau. Als er seine Funktion erfüllt hatte, wendeten sich die Japaner langsam ab. Die Geschichte eines einzigartigen Sports.

Wer irgendwo in Japan ein Bahnradstadion zum Keirin besucht, wird zweimal staunen. Zuerst, weil auf der Tribüne hinterm Zaun, auf den Startschuss wartend, etliche Besucher ihre Hälse nach den Athleten recken. Nervös halten sie Zettel in den Händen, auf denen ihre Einsätze und Gewinnquoten notiert sind. Das zweite Staunen bringt das Durchschnittsalter der Zuschauer. Durch die Bank Männer, die meisten weit über 60 Jahre alt, Kinder sind nicht zu sehen. Ein olympischer Wettsport, nur für Hochbetagte? Sowas gibt’s?

Über Jahrzehnte hat Keirin erst die Japaner und dann die ganze Radsportwelt fasziniert. Diese so kompromisslose Disziplin, deren Regeln keine Missverständnisse zulassen: sechs bis neun Fahrer treten auf der Bahn über 2.000 Meter an, folgen zunächst einem motorenbetriebenen Schrittmacher, der scheinbar gemächlich auf 50 Stundenkilometer beschleunigt. Auf dem Weg dorthin kämpfen die Athleten um die beste Position für den Moment, wenn der Schrittmacher ausscheidet, das Rennen den Fahrern überlässt. Wenn auch ohne die zockenden Zuschauer: So wie in Japan läuft Keirin grundsätzlich auch diese Tage bei Olympia ab – am 13. August fahren die Frauen um Medaillen, am 16. August die Männer.

Die Entstehungsgeschichte aber ähnelt keiner zweiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten US-Luftangriffe und zwei Atombomben in Japan fast keine Infrastruktur stehengelassen. Bei der Frage, wie das Land wieder auf die Beine kommen könnte, kam einigen japanischen Regierungsbürokraten eine originelle Idee. „Keirin wurde 1948 erfunden, um durch Sportwetten Geld für den Wiederaufbau einzuspielen“, fasst Hideki Shibahashi die Story kurz zusammen. Shibahashi arbeitet für das Wirtschaftsministerium in Tokio, oder genauer gesagt: für den nationalen Keirinverband, der dem Ministerium untersteht.

Der Mann trägt einen dunklen Anzug und sitzt in einem grauen Großraumbüro, wie es dem Klischee japanischer Beamter entspricht. Aber Shibahashi spricht auch wie in Sportmanager: „Man wusste damals schon, dass viele Menschen gerne ihr Geld verwetten. Und wenn das bekannt ist, warum es nicht nutzen?“

Da das Fahrrad besser zur Lebensrealität im verarmten Japan passte als Pferde oder Motorräder, entwarfen die Beamten einen Bahnradsport. Ab 1948 bewarb das Wirtschaftsministerium den ersten Wettkampf auf einer Aschebahn in der südwestjapanischen Stadt Kokura. Der Eintrittspreis von 100 Yen schien üppig, die Leute drängten sich trotzdem auf die Tribüne. Die Japaner wollten wieder Spaß haben, nach drei Jahren in den Wehen von Zerstörung und Hunger.

Etwas in der Geschichte des Sports wohl Einzigartiges geschah. Diese durch die Politik vorgesetzte Disziplin, offenkundig erfunden, um den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen, begann sofort zu boomen. Nach dem ersten Renn-Event wurden über vier Tage 20 Millionen Yen eingespielt, 1,2 Millionen davon erhielt die Stadt Kokura, um neue Straßen zu bauen. Binnen fünf Jahren entstanden neue 63 Rennbahnen. Keirinfahrer nannte man bald die „Samurai auf dem Rad.“ Denn wie die Samurai, einst Japans Staatsdiener, dienten auch die Sportler ihrem Land.

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