Deutschland bei Olympia
Auch ein siebter Platz ist ein sehr gutes Ergebnis

Deutschland lässt sich den Spitzensport Millionen kosten – gefördert werden auch die, die sich um die Karriere abseits des Sports kümmern. Doch der vorbildliche Ansatz ist ein Grund für die Misere in Rio. Ein Kommentar.

DüsseldorfEs ist die bislang doch recht magere Bilanz der deutschen Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, die aufhorchen lässt. Ein paar wenige Medaillen, ein paar mehr Finalplätze, die Bilanz nach knapp einer Woche fällt bescheiden aus. In Zahlen heißt das: Trotz zweier Goldmedaillen im Rudern am Donnerstag nur Platz zehn im Medaillenspiegel. Woran liegt das?

Die Gründe sind so vielfältig und vielschichtig wie die Sportler selbst. Die große internationale Konkurrenz ist einer davon, Verletzungspech ein anderer, vielleicht auch die steigende Zahl an Athleten, die ihre Leistung mit Hilfe von Medikamenten erbringen. Doch es gibt auch einen Faktor, der bei den allermeisten deutschen Athleten eine große Rolle spielt: Zeit.

Zeit zum Training, Zeit, sich zu entwickeln, Zeit, aus einem Talent ein Olympiasieger zu werden. Doch genau an dieser Zeit mangelt es häufig. Wer in Deutschland Hochleistungssport betreibt, der wird finanziell gefördert. Und weil Politiker, Funktionäre und auch die Wirtschaft wissen, dass eine Medaille zwar Ruhm und Ehre bringt, aber kaum Geld, unterstützen sie in verschiedenen Initiativen die duale Karriere.

Gefragt sind also Aktive, die sich auf dem sportlichen Weg in die Weltspitze auch um ihre Ausbildung, um ihr Studium oder ihren Job kümmern. Denen es nicht reicht, sich auf die nächsten Titelkämpfe zu konzentrieren, sondern auch auf ihre berufliche Zukunft. Doch die Zeit, die sie täglich hinter einem Bankschalter, vor einem Bildschirm oder im Hörsaal verbringen, die fehlt ihnen zum Training.

Beispiele, die in der Folge entweder den Sport oder das Studium seinlassen, gibt es genügend. Denn der eigentlich vorbildliche Ansatz der dualen Karriere heißt in der Konsequenz häufig auch: Chancenlos zu sein im Vergleich mit Nationen wie beispielsweise China. Dort werden Sportler sehr früh spezialisiert. Es wird dafür gesorgt, dass ihr Alltag ausschließlich aus Sport besteht, weil sportlicher Erfolg längst zu einem Staatsziel erklärt wurde. Das Ergebnis: bereits 23 Medaillen - mit welchen Mitteln auch immer.

 

Der Wunsch nach 44 Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen in Brasilien – ebenso viele haben die deutschen Sportler 2012 in London gewonnen – ist auch vor diesem Hintergrund ein Balanceakt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Natürlich sollen und müssen die deutschen Athleten im Gegenzug zur (sicher noch ausbaufähigen) finanziellen Förderung etwas leisten.

Doch man darf eben auch nicht zu viel von ihnen erwarten. Der Alltag eines deutschen Ruderers, Schwimmers, Weitspringers oder Judokas sieht anders aus als der vieler Sportler aus China, Russland oder den USA, die derzeit auf den Siegertreppchen stehen. Der deutsche Spitzensportler hat eine 60-Stunden-Woche, trainiert, lernt, kommt wegen einer Klausur zu spät zum Wettkampf oder wegen eines Wettkampfs zu spät zur Klausur.

Und das für rund 600 Euro im Monat. Profis und damit auch Gutverdiener sind nur die allerwenigsten. Wer sich darauf einlässt, der will etwas erreichen, der ist ehrgeizig, motiviert. Und der weiß, was ein siebter oder achter Platz bei Olympischen Spielen unter den genannten Voraussetzungen bedeutet: Im Vergleich zu den Methoden und Machenschaften der großen Sportnationen ist das ein sehr gutes Ergebnis. Und eine wertvolle Erkenntnis in einem Geschäft, in dem sonst nur Medaillen zählen.

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