Die Olympia-Nacht in Brasilien
Rio schaut weg

Rios Einwohner sind nicht gerade in Olympia-Stimmung: Während der Eröffnungszeremonie pfeifen sie ihren Interims-Präsidenten aus und interessieren sich kaum für die „Spiele der Ausgrenzung“. Es gebe Wichtigeres zu tun.

Rio de JaneiroAls das erste Mal an diesem langen Abend wirklich Stimmung aufkommt, ist es schon 22.53 Uhr. Auf dem Bildschirm des Fernsehers tanzen ausgelassene brasilianische Athleten ins Bild. Die Delegation des Ausrichterlandes ist traditionell die letzte, die ins Olympiastadion einmarschiert. Und die Gäste des „Pavão Azul“, einer traditionellen Kneipe in Copacabana klatschen Beifall und rufen vereinzelt „Brasil, Brasil“. Aber schon wenige Sekunden später wenden sie sich wieder ihrem Bier oder ihrer Freundin zu.

Auch Ony Coutinho hat wenig Lust, sich die lange Eröffnungsfeier im Fernsehen anzuschauen. Er ist mit seiner Freundin und zwei US-Touristen in die Kneipe an der Avenida Barato Ribeiro nahe dem berühmten Strand von Rio de Janeiro gekommen. Sie schwatzen über alles, außer Olympia und Politik. Die Welt hat an diesem Freitagabend zwar auf Rio geschaut, aber man hatte den Eindruck, als hätte in Rio selbst kaum jemand großes Interesse an der Mega-Veranstaltung Olympische Spiele gehabt.

Wenn man den 27 Jahre alten Wirtschaftswissenschaftler Coutinho aber zu den Spielen fragt, sagt er: „Als wir 2009 den Zuschlag bekommen haben, war ich traurig, weil ich dachte, wir könnten das nicht.“ Mittlerweile hat er ein gleichgültiges Verhältnis zu der zwei Wochen dauernden Sportveranstaltung. „Ich bin nicht dagegen, aber auch nicht dafür. Ich denke nur, dass wir wichtigere Dinge zu erledigen haben als das“, sagt er.

Wie viele Brasilianer treibt auch Coutinho in diesen Tagen um, dass die Wirtschaft am Boden liegt und die Politik die Absurdität von zwei Präsidenten geschaffen hat. Die derzeit suspendierte Amtsinhaberin Dilma Rousseff sitzt in ihrer Residenz in Brasilia und wartet auf das Ergebnis eines Amtsenthebungsverfahrens. Und der kaum populärere konservative und blasse Interims-Präsident Michel Temer saß am Freitagabend in der Ehrenloge des Maracanã-Stadions neben IOC-Präsident Thomas Bach und verfolgte die Eröffnungszeremonie. Sein kurzer Auftritt kam erst sehr spät.

Die Regie der Veranstaltung hatte es vermieden, Temer den langen Weg von der Ehrenloge in den Stadioninnenraum machen zu lassen, wie es zuvor Bach und Carlos Nuzman, Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele tun mussten. Und dann kommt der Moment, vor dem sich die amtierende Regierung so sehr gefürchtet hat. Um 23.20 Uhr tritt Temer von seinem Sessel auf der Ehrentribüne auf, greift zum Mikrophon und spricht gerade mal zehn Sekunden: „Nach diesem großen Spektakel, erkläre ich die Spiele von Rio für eröffnet“. Der Rest ging in einem kurzen Pfeifkonzert unter, bevor die Regie hastig Musik einspielt.

Ony Coutinho, der junge Ökonom, wundert sich: „Das sind da im Stadion doch bloß Ausländer und Brasilianer mit Knete. Die sollten nicht pfeifen“. Aber vielleicht hat er auch nur unterschätzt, wie unzufrieden sein Land und seine Landsleute mit Politik und Politikern sind. Hätte die suspendierte Staatschefin Rousseff die Spiele eröffnet, das Pfeifkonzert wäre vermutlich noch heftiger ausgefallen. Die 68-Jährige meldete sich übrigens per Twitter zu Wort und ließ ihr Volk wissen: „Ich bin traurig, dass ich die Feier nicht live und direkt sehen kann“, schrieb sie in dem Kurznachrichtendienst. Rousseff hatte auf eine Teilnahme an der Auftaktveranstaltung aus freien Stücken verzichtet.

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