Vom Gipfel gedopt
Höhentraining in Bolivien

In der Sportlerwelt gilt dieser Ort als mystisch: Athleten wollen ins bolivianische Hochland, um sich in der Höhenluft zu stählern. Aber selbst hat der Andenstaat keinen Weltklassesportler hervorgebracht. Warum nicht?

Rosmery Quispe müsste eigentlich das Zeug zur Siegerin haben. Die einstige Mittelstreckenläuferin lief dieses Jahr ihren ersten Marathon, schaffte in Hamburg gleich die Bestleistung ihres laufbegeisterten Landes und qualifizierte sich für Olympia. „Wenn Gott mich lässt, will ich in Rio meine Zeit noch verbessern“, sagt Quispe.

Allerdings ist sie mit 2:43:37 Stunden weit von einer Medaille entfernt, der olympische Rekord liegt 20 Minuten darunter. Dabei kommt die Ausnahmeläuferin Quispe auch noch aus dem für Trainingseinheiten mystischen Hochland Südamerikas, ihre Heimatstadt La Paz liegt 3.600 Meter über dem Meer.

Athleten aller möglicher Länder zwischen Mexiko und Kenia reisen vor Wettkämpfen zur dünnen Luft der Anden, um einen Tick besser zu werden. Kaum irgendwo sind die Bedingungen härter. Ausländische Profiläufer brechen dort auf halber Strecke zusammen, bei einem Länderspiel vor zwei Jahren in La Paz musste sich der Weltfußballer Lionel Messi in der Halbzeitpause übergeben.

Forscher, die sich für die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers interessieren, zieht es für Datenerhebungen in die Anden. Denn Boliviens Athleten gewinnen zwar zuverlässig bei Wettbewerben, wenn sie Heimvorteil haben. Aber bis heute hat das Land keinen Läufer hervorgebracht, der auch anderswo auf der Welt siegt.

Keine einzige olympische Medaille zählt der Andenstaat, auch bei den Sommerspielen in Rio kommt kein Favorit aus Bolivien. Warum das so ist, das fragt sich das Land auch selbst. Denn je länger man sich in der sauerstoffdünnen Höhenluft bewegt, desto zahlreicher produziert der Körper die für den Sauerstofftransport zuständigen roten Blutkörperchen. Und je mehr Sauerstoff in die Muskeln gelangt, umso länger und intensiver können diese arbeiten, bis sie erschöpft sind. Eigentlich ausgezeichnete Bedingungen für Ausdauersportarten wie Laufen.

Zwei der erfolgreichsten Läufer des Landes trainieren fast ausschließlich im Hochland. Policarpio Calizaya, heute 54 Jahre alt und der bekannteste Trainer Boliviens, nahm dreimal bei den Olympischen Spielen teil, hält mit einer Zeit von 29:19 Minuten seit rund drei Jahrzehnten die nationale Bestmarke auf 10.000 Meter. Beim Marathon brachte er es auf 2:21 Stunden, eine gute Profizeit. Vom Weltrekord, der mittlerweile unterhalb von 2:03 Stunden liegt, blieb er aber weit entfernt.

Dessen 15 Jahre jüngere Schwester Sonia Calizaya war mit ihrer Bestzeit von 2:45 Stunden bis zu Quispes Rekordlauf in Hamburg die schnellste Bolivianerin. „Wir fragen uns auch, warum uns die Kenianer und Äthiopier so einfach davonlaufen“, sagt Sonia Calizaya.

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Höhentraining in Bolivien

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„Viele trainieren nicht hart genug“

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