50 Jahre vor Turin
Cortina im Bann des „schwarzen Blitzes“

Genau 50 Jahre ist es her, dass die Olympischen Winterspiele erstmals in Italien stattfanden. Wer an Cortina d'Ampezzo denkt, denkt an Toni Sailer. Die olympischen Rennen des Österreichers wurden erstmals live im Fernsehen übertragen.

HB TURIN. Der "schwarze Blitz von Kitz" verzauberte vor genau 50 Jahren mit seinen Erfolgen, seinem Charme und seinem Aussehen die ersten Olympischen Winterspiele auf italienischem Boden (26. Januar bis 5. Februar 1956). Der 20 Jahre alte Klempner-Geselle aus Kitzbühel wurde zum ersten großen Star des beginnenden Fernsehzeitalters, als er drei Mal Gold gewann - mit heute im alpinen Rennsport unvorstellbarem Vorsprung: 6,2 Sekunden im Riesenslalom, 4,0 Sekunden im Slalom, 3,5 Sekunden in der Abfahrt.

Der große Schritt ins Show-Geschäft blieb Sailer wegen der strengen Amateurregeln des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des Ski-Weltverbandes FIS zunächst versagt. In seinem ersten Film "Ein Stück vom Himmel" lief er deshalb Wasserski. Als sich die FIS 1958 nach dem Film "Der schwarze Blitz" mit seinem Amateurstatus beschäftigte, trat Sailer 1959 zurück. Es folgten weitere 13 Filme, gut ein Dutzend Schallplatten - und die ständige Präsenz in den Illustrierten, mit jeweils wechselnden Schönheiten an seiner Seite.

Das zwei Jahre zuvor gegründete italienische Staatsfernsehen RAI hatte sich bereit erklärt, die 24 Entscheidungen (Turin: 84) der elf olympischen Tage in den Dolomiten original zu übertragen. Doch anders als heute profitierten davon weder IOC noch Organisatoren. Im Gegenteil: Das Organisationskomitee zahlte der RAI mehr als zwei Millionen Mark für die Einrichtung der notwendigen TV- Anlagen. Ironie des Schicksals: Eisflitzer Guido Caroli stolperte als Schlussmann des Fackellaufes im nagelneuen "Stadio del Ghiaccio" über ein Kabel, rappelte sich auf und entzündete das Olympische Feuer doch noch programmgemäß.

Der amerikanische IOC-Präsident Avery Brundage musste erkennen, dass seine Überzeugung der Realität nicht mehr Stand halten würde: "Wir sind 60 Jahre ohne Fernsehen ausgekommen, und werden dies auch noch weitere 60 Jahre tun." Dem olympischen Puritaner, der noch 1972 in Sapporo den Österreicher Karl Schranz wegen eines kleinen Logos auf dem Rennanzug von den Winterspielen verbannte, musste auch schwer aufgestoßen sein, dass italienische Unternehmen als "Sponsoren" auftraten. Fiat stellte 12 Autos zur Verfügung, Olivetti 70 Schreibmaschinen...

Damit konnte immerhin jeder sechste der 402 akkreditierten Journalisten ausgerüstet werden. Unter den 821 Sportlern (689 Männer/132 Frauen) aus 32 Ländern waren 63 Starter aus Deutschland - Gesamt-Deutschland. Denn Cortina, wo mit der Skirennläuferin Giuliana Minuzzo-Chenal erstmals eine Frau den Olympischen Eid sprach, erlebte auch die Premiere der gesamtdeutschen Olympia-Mannschaften. 1955 hatte das IOC in Paris das Nationale Olympische Komitee (NOK) der DDR unter der Bedingung provisorisch anerkannt, dass es mit dem (bundesdeutschen) NOK für Deutschland eine gemeinsame Mannschaft bei den Spielen 1956 (Sommer in Melbourne und Stockholm/Reiten) bildet. Die gesamtdeutsche Episode war 1964 mit den Sommerspielen in Tokio beendet.

Mit der Startnummer 1 gewann am ersten Wettkampftag Rosa Reichert, die in der Sportwelt nur "Ossi" genannt wird, im Riesenslalom die Goldmedaille. Die Sonthofenerin blieb die einzige Olympiasiegerin der Deutschen in Cortina. In der DDR wurde Harry Glass enthusiastisch gefeiert. Der Skispringer aus Klingenthal holte Bronze - die erste olympische Medaille überhaupt für den Arbeiter- und Bauernstaat.

Eine eindrucksvolle Premiere feierte die UdSSR bei ihrer ersten Teilnahme an Winter-Olympia. Die Sowjets, schon bei ihrer Sommer- Premiere 1952 in Helsinki nur von den USA geschlagen, stellten mit sieben Gold-, drei Silber- und sechs Bronzemedaillen das erfolgreichste Team. Eisschnellläufer Jewgeni Grischin gewann auf dem Natureis des Misurina-Sees die 500 und 1500 Meter und war nach Sailer der erfolgreichste Athlet in Cortina. Die doppelten Deutschen belegten mit ihren zwei Medaillen Rang neun im Medaillenspiegel.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%