Abschied vom Radsport
Eine Urgewalt blickt zurück

18 Jahre Profiradsport, 21 Erdumrundungen und 110 Stiche nach Sturzverletzungen: Jens Voigt, der ewige Kämpfer, fährt sein letztes Rennen. Während seiner Karriere wandelte sich der Radsport-Hype zur geächteten Sportart.
  • 0

ColoradoGleich bei der ersten Etappe war Jens Voigt auf und davon. Allerdings nicht vom Start weg wie gewohnt. „Ich wollte schon. Aber das Team sagte: 'Nein, nein, nein.' Und weil es ein Radrennen ist und keine Jens Voigt Show, folgte ich der Teamtaktik und attackierte erst in der letzten Runde“, erklärte er. Natürlich wurde er auch da abgefangen. „Ich bin nicht mehr so stark wie vor fünf Jahren“, gestand er ein.

Der rechte Zeitpunkt also, um abzutreten, um ein letztes Mal „shut up, legs!“ zu rufen. Diese Zwiesprache mit seinen schmerzenden Beinen begründete Voigts Ruhm im Herbst seiner Karriere. Vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum wird er wegen solcher bärbeißigen One-Liner geliebt.

Wegen der Fanscharen dort ist auch die Colorado-Rundfahrt das letzte Rennen. Passend fürs Cowboy-Territorium hat er sich einen Stetson gekauft und war beim Rodeo. Eine Zweitkarriere als Rodeo-Reiter sieht er aber nicht. „Ich bin eher der, der die Pferde streichelt und sie sauber macht“, winkt er ab.

Ein Saubermann ist er im umstrittenen Radsport stets geblieben – sagt er. Mit Voigt tritt ein Schwerarbeiter der Radsportszene ab. Etwa 875.000 Kilometer hat er nach eigener Rechnung seit seinem neunten Lebensjahr in Training und Wettkampf auf dem Rad zurückgelegt. Das sind mehr als 21 Erdumrundungen. 1.500 Renntage kommen zusammen, allein 340 bei der Tour de France. Fast ein ganzes Jahr also über Alpen und Pyrenäen - und mit der Entschädigung Champs-Elysées.

Sein Tour-Debüt feierte er ausgerechnet 1998, als Polizisten Dopingpräparate in Begleitfahrzeugen und Hotelzimmern von Fahrern und Betreuern sicherstellten. Damals war die Öffentlichkeit geschockt über das Doping - und viele Profis geschockt darüber, dass man diesen Bestandteil ihrer Arbeit überhaupt als Betrug ansah. Diese Haltung änderte sich, vor allem in Deutschland, nach den Skandalen um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes und die Uni-Klinik Freiburg. Sie sorgten für eine öffentliche Ächtung von Doping.

Voigt erlebte, wie die öffentliche Meinung hierzulande von der Annahme „es dopen immer nur die anderen, die Armstrong, Virenque und Pantani“ umschwenkte zu „es dopen alle Radprofis, auch alle deutschen“. Dieser Generalverdacht ärgert ihn noch heute. „Wie denkt ihr denn, dass ich gedopt haben soll? Die ganze Zeit oder erst seit fünf Jahren oder erst zehn Jahre gedopt und dann aufgehört? Ich war nie bei Fuentes, nie bei Ferrari, ich war nicht bei Humanplasma in Österreich. Soll ich das immer allein gemacht haben? Und soll ich dann immer der Cleverste von allen gewesen sein, der, der niemals erwischt wurde?“

Seite 1:

Eine Urgewalt blickt zurück

Seite 2:

Die Radsportinfrastruktur brach zusammen

Kommentare zu " Abschied vom Radsport: Eine Urgewalt blickt zurück"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%