Allgemein International: Europäischer Gerichtshof kippt Sportwetten-Monopol

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Europäischer Gerichtshof kippt Sportwetten-Monopol

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass das in deutschland geltende staatliche Monopol für Sportwetten und Glücksspiele nicht mit dem EU-Recht vereinbar ist.

Der Gesetzgeber hat sich verzockt, die privaten Wettanbieter und der Profi-Sport könnten die neuen Wettkönige sein: Der Europäische Gerichtshof (Eugh) hat am Mittwoch das in Deutschland geltende staatliche Monopol für Sportwetten und Glücksspiele gekippt, da es nicht mit dem Recht der Europäischen Union (EU) vereinbar ist. Laut Eugh begrenze die deutsche Regelung die Glücksspiele, und damit auch die Sportwetten, nicht "in systematischer Weise". Das Monopol verstoße unter anderem gegen die Niederlassungs- sowie die Dienstleistungsfreiheit in der EU und sei deshalb ab sofort nicht mehr anwendbar.

Zuletzt hatten vor allem die Sport-Spitzen ein Ende des Monopols gefordert. Laut mehreren Schätzungen entgingen dem deutschen Profi-Sport in der Vergangenheit mehrere hundert Mill. Euro an Sponsorengeldern, da private Wettanbieter nicht mehr auf Trikots und Banden werben durften. Entsprechend zufrieden waren die Funktionäre. "Das Urteil ist ein Meilenstein. Es erlaubt den Gemeinwohlinteressen des Sports ebenso gerecht zu werden wie denen der Sportveranstalter, ohne die es keine Sportwetten gäbe", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (Dosb), Thomas Bach.

Müller: "Schlag in das Gesicht des ehrenamtlichen Sports"

Auf diese Aussage reagierte der Chef des Landessportbundes Hessen, Rolf Müller, allergisch. Er forderte Bach zum Rücktritt auf. Die gemeinsame Stellungnahme des deutschen Sports "ist ein Schlag in das Gesicht des ehrenamtlichen Sports in Deutschland", teilte Müller mit, "Dosb-Präsident Dr. Bach vertritt ausschließlich die Interessen des DFB und der DFL. Es zeigt, dass er in seinem Interesse, IOC-Präsident zu werden, den ehrenamtlich geführten Sport aus den Augen verloren hat."

Michael Vesper reagierte mit Empörung auf Müllers Aussagen. "Das zeigt, dass er weder die Urteile noch die Stellungnahmen aufmerksam gelesen hat", sagte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes dem SID. Noch deutlicher wurde Schleswig-Holsteins LSB-Chef Ekkehard Wienholtz: "Ich halte Rolf Müllers Forderung für grotesk. Es ist ein miserabler Stil des Umgangs in der Gemeinschaft des Sports."

DFB-Präsident Theo Zwanziger sah die Haltung des Verbands bestätigt. Für Sportwetten in Deutschland dürfe es kein Monopol geben, äußerte der Jurist: "Der Sport und ganz besonders der Fußball leistet durch die Organisation der Spiele einen aktiven und erheblichen Beitrag für den Wettmarkt. Dieser Leistung muss Rechnung getragen werden."

"Sportwettenmarkt muss geregelt und kontrolliert geöffnet werden"

Ähnlich sehen es die Klubs. "Es ist seit langem unsere Auffassung, dass der Sportwettenmarkt geregelt und kontrolliert geöffnet werden muss", sagte Geschäftsführer Klaus Allofs vom Bundesligisten Werder Bremen: "Nur so können die vielen Gelder, die derzeit am deutschen Fiskus vorbeifließen, zukünftig im Land bleiben."

Seit dem im Jahr 2008 erlassenen Glücksspielstaatsvertrag galt in Deutschland das Monopol staatlicher Anbieter, private Wettanbieter waren verboten. Nur beim staatlichen Unternehmen Oddset durfte legal auf die Fußball-Bundesliga, Weltmeisterschaften oder die Formel 1 gesetzt werden. Dagegen hatten mehrere kleine Anbieter geklagt, vier deutsche Gerichte wandten sich daraufhin mit der Frage an den Eugh.

Der eigentliche Hintergrund des Monopols sind die Mrd.-Einnahmen aus Glücksspielen, die in die Staatskasse fließen. Der Gesetzgeber hatte das Verbot mit der Bekämpfung von Spielsucht und Manipulation begründet. Das Eugh hat nun festgestellt, dass Deutschland dieses eigentlich für eine Beschränkung des Marktes zulässige Ziel unter anderem durch zu viel Werbung für die Glücksspiele unterlaufe. Das Eugh-Urtel ist eine Vorab-Entscheidung, die deutschen Gerichte müssen nun die Einzelfallentscheidungen treffen.

Monopol als wertlos eingeschätzt

Das Monopol wurde von Experten in der Vergangenheit ohnehin als wertlos eingeschätzt. Aufgrund von EU-Verträgen durften ausländische Firmen Sportwetten über das Internet anbieten. So ist unter anderem auch einer der größten Online-Anbieter bwin in Gibraltar lizenziert. Bwin-Direktor Jörg Wacker sieht die Eugh-Entscheidung "als historische Chance, Glücksspiel in Deutschland unter Berücksichtigung aller Vertriebskanäle zeitgemäß und richtungsweisend zu regulieren".

Zuletzt hatte sich ohnehin gezeigt, dass die unregulierten Anbieter für Kunden deutlich attraktiver als Oddset sind. Sie bieten mehr Wettmöglichkeiten und bis zu 20 Prozent höhere Quoten an. Eine Studie der Beratungsfirma Goldmedia hatte ergeben, dass 94 Prozent der Wettumsätze online über ausländische Anbieter abgewickelt werden. Laut der Studie entfallen bei einem geschätzten Jahresumsatz von 7,8 Mrd. Euro lediglich 485 Mill. Euro auf legale Wetten, davon 185 Mill. Euro auf Oddset.

Diese Zahlen verdeutlichten, dass der als Monopol-Grund angegebene Kampf gegen Spielsucht und Manipulation offensichtlich an der Wirklichkeit vorbeiging. Zudem zahlen die ausländische Anbieter in Deutschland keine Steuern und Abgaben. Bundesländern, gemeinnützigen Vereinen und vom Glücksspiel bezuschussten Einrichtungen gingen so Mill. durch die Lappen.

© SID

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