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"Springstein hat keine zweite Chance verdient"

Für verurteilte Doping-Trainer wie Thomas Springstein darf es laut Dosb-Generaldirektor Michael Vesper keine Rückkehr-Möglichkeit in den olympischen Hochleistungssport geben.

Für verurteilte Doping-Trainer wie Thomas Springstein darf es keine Rückkehr-Möglichkeit in den olympischen Hochleistungssport geben. Dafür will sich Michael Vesper einsetzen. Das erklärte der Dosb-Generaldirektor bei einem Redaktionsgespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) in Neuss.

SID: "Herr Vesper, in den letzten Tagen und Wochen gab es viele Dopingnachrichten vom deutschen Sport. Jüngst hat Ludger Beerbaum gesagt, die Reiter seien bislang nach dem Motto verfahren: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird. Warum soll die Öffentlichkeit glauben, dass Dopingfälle Einzelfälle sind?"

Michael Vesper: "Ludger Beerbaum hat die Quittung für seine Äußerung bekommen. Meiner Meinung nach können wir trotzdem - auch angesichts des Falles Isabell Werth - nicht alle Reiter verdächtigen, dass sie sich ebenfalls einer unerlaubten Medikation oder des Dopings bedient haben."

SID: "Die Frage bleibt: Warum sollen wir glauben, dass es sich um Einzelfälle handelt? Die Liste der angeblichen Einzelfälle wird immer länger."

Vesper: "Die Reiterliche Vereinigung hat mit der Auflösung ihrer Kader eine Vollprüfung begonnen. Die FN geht sehr entschlossen vor. Ich kann aber nicht von vornherein sagen, alle Reiter sind Doper, ohne dass ich dafür Beweise habe. Ich spreche mich aus Überzeugung gegen jeden Generalverdacht aus."

SID: "Hanns Michael Hoelz, der Nada-Kuratoriumsvorsitzende, hat in der Kölner Sportrede gesagt, der Sport müsse besser sein als die ihn umgebende Gesellschaft, um seiner Vorbildrolle gerecht zu werden. Ist er das?"

Vesper: "Der Sport will in der Tat Werte vermitteln und trägt dazu bei, diese Gesellschaft zusammenzuhalten. Aber auch im Sport zeigen sich die Schwächen dieser Gesellschaft, er ist ja Teil davon. Natürlich arbeiten wir daran, besser zu werden. Deshalb sind hohe Ansprüche gut. Aber ebenso wie es nicht gelingen wird, das Verbrechen auszumerzen, wird es nicht gelingen, innerhalb des Sports Regelübertretungen ein für alle Mal zu verhindern. Entscheidend ist, dass man entschlossen dagegen vorgeht, und das ohne Rücksicht auf prominente Namen. Das tun wir."

SID: "Der Umgang mit Doping scheint in der Tat die Kernfrage zu sein. Warum geben Sie in diesem Zusammenhang ehemaligen DDR-Trainern nach einem verspäteten Geständnis eine zweite, im Fall Werner Goldmann sogar eine dritte Chance?"

Vesper: "Wir reden über Fälle, die in einem System des Staatsdopings zustandegekommen sind, das Doping zur offiziellen Doktrin erhoben und aktives Dopen von den Trainern verlangt hat. Die Vorfälle liegen teilweise 20, 30 Jahre zurück. Natürlich hätte auch ich mir gewünscht, dass das Ganze früher in Angriff genommen worden wäre. Der Dosb hat in den letzten Jahren auf dem Feld der Aufarbeitung des DDR-Dopings substanzielle Fortschritte erzielt."

SID: "Können Sie diese bitte skizzieren."

Vesper: "Wir haben uns sofort der DDR-Dopingopfer angenommen. Dabei ist es gelungen, das Unternehmen Jenapharm in die Entschädigungsregelung einzubeziehen. Somit haben wir zur Anerkennung der Dopingopfer beigetragen. Bis dahin herrschte zwischen Unternehmen und Opfern Funkstille. Wir haben zudem die Trainerfrage in Angriff genommen und dafür die Steiner-Kommission ins Leben gerufen. Und wir haben drittens ein Forschungsprojekt angestoßen. Das ist deshalb wichtig, weil wir keinen Schlussstrich ziehen wollen, sondern uns der moralischen Verantwortung für das, was in beiden Teilen Deutschlands auf dem Gebiet des Dopings passiert ist, aktiv stellen."

SID: "Thomas Springstein, ein in Deutschland wegen Minderjährigen-Dopings verurteilter Leichtathletik-Trainer, wird jetzt im zweiten Jahr bei der Betreuung von litauischen Athleten beobachtet. Gibt es niemanden, der ihm das Handwerk legen kann?"

Vesper: "Der litauische Verband. Springstein hat aus meiner Sicht keine zweite Chance verdient. Er hat Minderjährige ohne deren Wissen gedopt und das zu einem Zeitpunkt, als die Diskussion schon im vollen Gange war."

SID: "Haben Sie denn Ihre Kollegen vom litauischen NOK mal auf den Fall aufmerksam gemacht?"

Vesper: "Sollte es den Kontakt noch nicht gegeben haben, werden wir ihn herstellen."

SID: "Im Sport geht es mittlerweile um viel Geld. Der Kommerz blüht, weshalb man quasi davon ausgehen muss, dass auch im Sport kriminelle Elemente aktiv sind."

Vesper: "Die entscheidende Frage ist die des Risikos. Wie hoch ist das Risiko für jemanden, Dopingmittel zu vertreiben oder einzusetzen? Wenn die Gefahr real ist, erwischt zu werden, wird er damit aufhören. Es gibt Netzwerke, die kriminell sind. Diese müssen befürchten aufzufliegen. Unser verschärftes Arzneimittelgesetz bietet dafür alle Möglichkeiten. Auch die Sportler, die gedopt haben, müssen befürchten, entdeckt zu werden. Abschreckung ist das wirksamste Mittel. Deshalb müssen wir sie verstärken. Prof. Schänzer von der Sporthochschule Köln hat mir versichert, dass der Abstand zwischen Jäger und Gejagtem kleiner geworden ist. Schauen Sie sich doch die Cera-Fälle an. Da zeigen sich die Erfolge. Es hat sich zudem bewährt, dass die Dopingproben von Peking acht Jahre lang eingefroren werden."

SID: "In Peking gab es massive Probleme mit den Whereabouts. Sie wurden von über 100 Nationen nicht abgegeben. Der weltweite Kampf scheint nicht einheitlich zu sein."

Vesper: "Es kam in Peking in keinem Fall zu einem nicht erfolgreichen Kontrollversuch. Und die Whereabouts sind kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, damit jederzeit unangekündigt getestet werden kann. Und wenn das auch ohne Whereabouts passierte, ist es gut. Bis London muss es da deutliche Verbesserungen geben."

SID: "Haben Sie Verständnis für deutsche Athleten, die sich durch die Whereabouts in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt fühlen?"

Vesper: "Ja, natürlich. Niemand unterwirft sich gern einem solchen System. Aber es gibt gerade in Deutschland eine überwältigende Einsicht in die Notwendigkeit."

SID: "Wie wollen Sie verhindern, dass es vor den Winterspielen in Vancouver wie vor den Sommerspielen in Peking neue Enthüllungen zum Doping von ehemaligen DDR-Trainern gibt?"

Vesper: "Das Grundproblem ist, dass wir keine Behörde haben, in der Akten zum Staatsdoping in der DDR gesammelt worden sind, so wie bei der Stasi. Deswegen sind wir auf Zeugen oder Unterlagen angewiesen, die uns meist von außen zur Verfügung gestellt werden. Wir verlangen auch vor Vancouver wieder eine Ehrenerklärung von den Trainern. Wir haben sie um die ausdrückliche Möglichkeit ergänzt, auf frühere Verfahren und auf Vorwürfe hinzuweisen, die von Kommissionen, Staatsanwaltschaften oder Gerichten bereits geklärt worden sind."

SID: "Ihr hochgestecktes Ziel ist Platz eins bis drei im Medaillenspiegel. Warum so weit vorn? Bei den Sommerspielen in Peking waren sie mit Platz fünf zufrieden?"

Vesper: "Wir sind Titelverteidiger. Und wer Titelverteidiger ist, muss - das gilt für den VfL Wolfsburg in der Fußball-Bundesliga wie für uns bei den Winterspielen - den Anspruch haben, seinen Titel zu halten."

SID: "Warum sind die deutschen Wintersportler erfolgreicher als ihre Kollegen im Sommer?"

Vesper: "Die Vorbereitungen laufen konzentrierter, es gibt eine stärkere Zentralisierung. Relativ gesehen sind mehr Athleten bei Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll und können unter Profibedingungen trainieren. Ein bisschen liegt es vielleicht auch daran, dass die sieben Wintersportverbände sich in einer besonderen Weise dem Leistungssport verschrieben haben und die besten Trainingsmethoden und-materialien einsetzen können. Da ist eine Siegermentalität am Start."

SID: "Da schwingt Kritik an den Sommerverbänden mit."

Vesper: "Mit dem Ergebnis beispielsweise der Leichtathleten in Peking waren wir ja alle, einschließlich des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, unzufrieden. Der DLV setzt alles daran, bei der WM in Berlin besser abzuschneiden."

SID: "Was können die Sommersportler von den Wintersportlern noch lernen?"

Vesper: "Die Bereitschaft, sich stärker zu konzentrieren und die neuesten Methoden einzusetzen, wächst. Das begrüßen wir. Wir müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse stärker vernetzen. Der Schlüssel zum Erfolg ist die bessere Konzeption und Durchführung von Training."

SID: "Warum leisten wir uns den Luxus, alle Sportarten zu fördern, und fokussieren uns nicht stärker? So wie die Briten, die beispielsweise auf die Bahnradsportler setzen."

Vesper: "Das können und wollen wir nicht. Hätten wir Turnen in der Phase der absoluten Erfolglosigkeit abgeschrieben, dann hätten wir heute keinen Fabian Hambüchen und keine Mannschaft, die vorne mitmischen kann. Es gibt in jeder Sportart immer wieder neue Chancen. Ein Land wie Deutschland mit seinen Traditionen und Sportvereinen kann niemanden in die Ablage tun. Bei uns hängen Breiten- und Spitzensport untrennbar zusammen. Einen Sport, den ich in der Spitze aufgebe, der geht auch in der Breite kaputt."

SID: "Deutschland bewirbt sich um die Olympischen Winterspiele 2018. Legt man die Kosten von Vancouver zu Grunde, wird das Projekt mindestens eine Milliarde Euro kosten. Ist es das wert?"

Vesper: "Wir müssen das Budget für die Organisation, das Ocog, und das für die Infrastruktur, das Non-Ocog, auseinanderhalten. Es wäre unfair zu sagen, dass die Kosten für die U-Bahn, die München 1972 gebaut hat, Olympia-Kosten gewesen seien. Das Budget von Olympia-OKs war in den vergangenen Jahren immer positiv, auch in Peking. Die Infrastrukturmaßnahmen sind fast überall ein Segen für die Region gewesen. In München haben wir die weltweit einmalige Chance, auf einen bestehenden Olympiapark zurückgreifen zu können. Die Infrastrukturmaßnahmen, die wir noch brauchen, sind erheblich geringer als anderswo."

SID: "In diesem Jahr findet die Leichtathletik-WM als Weltsportereignis des Jahres 2009 in Berlin statt. Was erwarten Sie davon?"

Vesper: "Leider erlebe ich manchmal in Berlin eine Negativ-Stimmung nach dem Motto: Hoffentlich wird das kein Erfolg. Ich bin überzeugt davon, dass die WM auch sportlich ein Erfolg wird. Ich würde mir wünschen, dass die deutschen Leichtathleten jeden Tag einmal auf dem Treppchen stehen."

© SID

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